
Die Ereignisse, die ab dem 28. Juni 2023 fĂŒr ein paar Tage ganz Frankreich erschĂŒtterten, waren jedenfalls kein BĂŒrgerkrieg. Ohne die extreme Gewaltbereitschaft der Aggressoren damit herunterzuspielen, die mit der gerne bemĂŒhten revolutionĂ€ren Tradition Frankreichs weder praktisch noch inhaltlich das Geringste verbindet, fehlte die fĂŒr die Annahme eines BĂŒrgerkriegs entscheidende Gegenmacht, die der Staatsmacht erfolgreich weite Teile des Staatsgebietes abtrotzen könnte. Erst wenn es so weit kommt, wandelt sich der Staat, inklusive seiner FĂŒhrer und Gefolgsleute, zur Partikularmacht, die sich von den aufstĂ€ndischen Gegnern nicht mehr unterscheidet. Von einem solchen Zustand ist Frankreich weit entfernt, obwohl die Horden aus den VorstĂ€dten und ihre UnterstĂŒtzer aus der akademischen Mittelklasse tatsĂ€chlich auf BĂŒrgerkrieg setzen und danach trachten, die Staatsmacht so lange provozierend herauszufordern, bis sie sich zur Kenntlichkeit entkleidet als der eigentÂliche Aggressor zu erkennen gibt, der nicht mehr die Gesellschaft in ihrer ĂŒberwĂ€ltigenden Mehrheit reprĂ€sentiert, sondern nur die NutznieĂer von verbrieften weiĂen Klassenprivilegien.
Persönliche Sicherheit und Eigentum
Immerhin deutet die erhebliche AusÂ-weitung der Kampfzone auf bislang unÂbeÂhelligt gebliebene Gebiete darauf hin, dass bei einer Reprise âbefreiteâ Gebiete entstehen könnten â und sei es durch Massenflucht der dort ansĂ€ssigen âWeiĂenâ. Die heute als besonders prekĂ€r geltenden Banlieues sind seit ca. 1980 in einem schleichenden Prozess der ethnischen SĂ€uberung, dem zuerst die Juden zum Opfer gefallen sind, von teilweise auch sozial durchmischten Wohnvierteln mit angeschlossenen Industriegebieten zu ethnisch weitgehend homogenen Quartieren regrediert, in denen die Gesetze der Republik nur noch sehr eingeschrĂ€nkt gelten. Doch erst wenn der Staat sich aufgrund einer realen BĂŒrgerkriegsgefahr dazu genötigt sĂ€he, mittels innerer Mobilisierung loyale StaatsbĂŒrger in Aktivisten zu transformieren, die nicht beim Selbstschutz stehen blieben, sondern ideologisch aufgeladen gegen einen als volksfremd bestimmten Feind patrouillierten, wĂ€re die Grenze zum BĂŒrgerkrieg erreicht. Anfang Juli 2023 gelegentlich anzutreffende Kleingruppen militanter Rechtsradikaler, die diese Rolle gerne gespielt hĂ€tten, sind allerdings genauso unerwĂŒnscht wie marginal und noch nicht einmal Vorschein einer inneren Militarisierung.
In ihrer Mehrheit sympathisieren die Franzosen herkunftsunabhĂ€ngig nicht mit moslemischem Vorstadtgesindel, auch wenn die âweiĂenâ Mehrheitsfranzosen die gröĂte Gruppe derer bilden, die der Staatsmacht die Stange halten. Mit der gern bemĂŒhten FraternitĂ© hat das wenig zu tun; von ihr bleibt nur noch eine von jedem ĂŒberschĂŒssigen Potenzial gereinigte Akzeptanz der im Zweifel von der Polizei garantierten allgemeinen Sicherheit und Ordnung. Dieses, politische Lager, soziale Stellung und unterschiedliche Herkunft oder religiöse Vorlieben ĂŒberwölbendes Prinzip ruht auf zwei SĂ€ulen auf, die einander bedingen. Da ist erstens die Unantastbarkeit des Individuums, das sich in seiner Wohnung und auf der StraĂe jederzeit vor Marodeuren oder scheinbar unterhalb der Gewaltschwelle liegenden BelĂ€stigungen geschĂŒtzt wissen will, zu denen die Spritztouren minderjĂ€hriger Leihwagennutzer unbedingt gehören, und zweitens die Ă€hnlich stark ausgeprĂ€gte Ăberzeugung, dass das persönliche, aber auch das kommunale Eigentum nicht mit Mitteln des Raubs, der PlĂŒnderung oder der Brandschatzung angetastet werden dĂŒrfe. Die etwas Ă€lteren Bewohner der besonders prekĂ€ren Banlieues wissen, dass die Zerstörung ihrer Autos und die des Busdepots, der Bibliothek und der Filiale einer groĂen Supermarktkette zusammenhĂ€ngen und die zahlreichen Angriffe auf RathĂ€user eine weitere Eskalation befĂŒrchten lassen. Auch wenn ihnen der Verlust des Autos den gröĂten Kummer bereitet, so ist ihnen doch zugleich bewusst, dass die EinschrĂ€nkung des öffentlichen Nahverkehrs ihre Bewegungsfreiheit einschrĂ€nkt, und sei es nur, weil es ihren Weg in die Arbeit verlĂ€ngert oder wegen der Einstellung des Nachtbetriebs die AusflĂŒge zu StĂ€tten der Unterhaltung empfindlich verkĂŒrzt. Sie kennen den ZusamÂmenhang von Schulverweigerung und GewaltausbrĂŒchen und sie wissen, dass sie dann, wenn der verwĂŒstete lokale IntermarchĂ© nicht mehr aufgebaut und wiedereröffnet wird, auf das miese und ĂŒberteuerte Angebot der fast durchgĂ€ngig arabischen Einzelhandelsklitschen angewiesen sind.
Der Unterschied zwischen privater Aneignung fremden Eigentums etwa durch PlĂŒnderung und der gesellschaftlichen Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln ist kein gradueller. Im ersten Fall ist es die reine Gelegenheit zur privaten Bereicherung, die jene ergreifen, die kraft gröĂerer Skrupellosigkeit und Formierung in KleinÂgruppen die SchnĂ€ppchen machen, wĂ€hrend allen anderen lediglich die KrĂŒmel bleiben, die die StĂ€rkeren zurĂŒcklassen. Enteignung und Raub fallen in eins, die Ziele sind genauso nach der sich bietenden Gelegenheit ausgesucht wie die Mittel (z.B. als Angriffswaffe genutzte Pyrotechnik), um an sie zu gelangen. Zwischen der TĂŒr einer geschlossenen Filiale einer Modekette und der HaustĂŒr des lokalen BĂŒrgermeisters oder schlicht jedes Anwohners, der des Reichtums verdĂ€chtig ist, hinter der OhnmĂ€chtige nicht nur um ihr Eigentum fĂŒrchten, wird kein Unterschied mehr gemacht. AktivitĂ€ten dagegen, die sich der Kritik gegenĂŒber den noch herrschenden Gesetzen der kapitalisÂtischen Produktionsweise verschrieben haben, beenden das institutionalisierte Recht des StĂ€rkeren, das mit dem willkĂŒrlichen Zugriff auf das Eigentum von PrivatÂpersonen gleichwohl nicht auf eine Stufe gestellt werden kann, durch eine geplante Produktion, in der die FrĂŒchte der gesellschaftlich organisierten Arbeit den Reichtum und das Eigentum aller mehren. Verwandt hĂ€tte dies selbst noch fĂŒr eine zur Abwechslung vernĂŒnftige Umverteilung auf dem Boden des Bestehenden zu gelten: Eine Enteignung hĂ€tte auch hier nicht der privaten Bereicherung zu gelten, sondern der Nutzbarmachung vor allem von ImmoÂbilien und Parkanlagen fĂŒr die vielen.
âAuswurf, Abfall, Abhub aller Klassenâ
Der zunĂ€chst bĂŒrgerliche Konsens ĂŒber Freiheit und Eigentum, die nicht anzutasten und vom Staat zu schĂŒtzen seien, war immer mehr als nur die AnmaĂung der Privilegierten, fĂŒr sich zu sichern, was auch sie oder ihre Vorfahren sich skrupellos angeeignet hatten. So abstoĂend das in jeder Unternehmenshierarchie entlang riesiger Einkommensunterschiede auszumachende Privilegienwesen auch ist, das sich z.B. in sehr unterschiedlichen Wohnformen niederschlĂ€gt, so auffĂ€llig ist doch, wie hartnĂ€ckig ĂŒber die bĂŒrgerlichen Jahrhunderte hinweg Handwerker, Kleinbauern und eben Arbeiter vor dem spontan genannten Zugriff auf das Eigentum der Oberen zurĂŒckschreckten. ZunĂ€chst war es die Erfahrung des BĂŒrgerkriegs mit den Angriffen der einander befehdenden Feudalherren auf das Eigentum und die Freiheit des Gegners und als dauernde Begleiterscheinung die AusplĂŒnderung der den Feudalherren Unterworfenen, die gerade Bauern und Handwerker auf den Zentralstaat und die von ihm monopolisierte Gewalt setzen lieĂen. Doch es ging um mehr. Das BedĂŒrfnis der KleineigentĂŒmer, sich ihr kleines Reich zu schaffen, entsprang auch dem Wunsch, nicht der WillkĂŒr anderer ausgesetzt zu sein und dezidiert nicht in einem Reich der oktroyierten Gleichheit vegetieren zu mĂŒssen wie russische Bauern unter dem Gesetz der Mir genannten Dorfgemeinschaft oder chinesische in der maoistischen Volkskommune. Der Ruf nach der Polizei war immer auch einer von unten, gegen Ăbergriffe, die nicht nur von wildgewordenen Junkern in der Ăbergangszeit ausgehen konnten, sondern eben auch von StraĂenrĂ€ubern oder Dieben. Die Angst vor dem nĂ€chtlichen Ăberfall auf Hab und Gut ging einher mit dem Ăberdruss, stets darĂŒber wachen zu mĂŒssen, dass sich niemand am Vieh oder auch nur der damals wertvollen WĂ€sche auf der Leine vergreife: Man wollte sich nicht lĂ€nger in der eigenen Wagenburg verschanzen mĂŒssen. Die Monopolisierung der Gewalt im absolutistischen und dann vollends im bĂŒrgerlichen Staat war mehr als die Herstellung eines groĂen Wirtschaftsraums fĂŒr die sich etablierende kapitalistische Produktion und den Handel. Sie geschah auch mit Billigung jener Mehrheit, die nicht viel zu verkaufen hatte, auf primitivem Niveau wirtschaftete und dennoch nicht der FrĂŒchte ihrer Arbeit beraubt werden wollte. Die Nachfolger der Landsknechte in den Feudalkriegen, die das Land kahlfraĂen und, wenn die Gelegenheit sich bot, von Bauern totgeschlagen wurden, waren jene, die vom Kapital in der Periode der ursprĂŒnglichen Akkumulation aus dem das Ăberleben noch sichernden FeudalverhĂ€ltnis geschleudert wurden und sich mangels Nachfrage nach Arbeitskraft erst in einem spĂ€teren Schritt ins LohnverhĂ€ltnis retteten. Nach den Elendswanderungen der Hoffnungslosen, als die Caritas versagte und die âEhrlichenâ verhungerten und die âUnehrlichenâ am Galgen endeten, blieben viele zurĂŒck, die sich den Zumutungen der aufkommenden neuen Gesellschaft mit den Mitteln des Raubs zu entziehen trachteten. Dies ging zuerst zu Lasten der Bauern, Handwerker und KleinhĂ€ndler, die sie terrorisierten. Der im Charlie-Chaplin-Film rĂŒhrend als harmloser Mundraub geschilderte Diebstahl von Brot oder FrĂŒchten auf dem Markt war, obwohl dahinter hĂ€ufig wirklich der nackte Hunger stand, zugleich die SchĂ€digung jener wenig wohlhabenden Schichten, die sehr wohl wussten, dass dem ersten beim Diebstahl erfolgreichen âTrampâ rasch weitere folgen wĂŒrden.
VerhĂ€ltnisse abschaffen zu wollen, in denen geklaute Brote schweren Kerker nach sich ziehen und nur zwei Jahrhunderte davor die Todesstrafe, ist das eine, das romantisierende BĂŒndnis mit Outlaws zu suchen, die sich nur ausnahmsweise etwa in der Figur des Wilderers nahmen, was nach einer lĂ€ndlichen Ăbereinkunft allen zustand und nicht exklusiv dem durch seine Förster vertretenen Feudalherren, ist dagegen nicht geeignet, eine Idee von Freiheit und der umfassenden Entfesselung des Reichtums zu verwirklichen. Deutlich glorifiziert solche Romantik den Kraftburschen, der mit frechem Maul nicht nur seine Opfer verhöhnt, sondern alle, die wenig heroisch und spektakulĂ€r im Rahmen der Gesetze, auch denen des Kapitals, ihr meist kleines Eigentum mehren. Lediglich im rhetorischen Ăberschwang spricht aus der Figur des Spiegelberg in Schillers RĂ€uber (1780) der RevolutionĂ€r. Die Wahrheit ĂŒber die Tiraden der Spiegelbergs aller Zeiten ist ihre durch die wirkliche oder herbeischwadronierte RĂ€uberbande verÂbriefte AnmaĂung, sich ĂŒber alle rechtÂlichen und sittlichen Schranken hinÂwegÂzusetzen.
Das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen
Ăber die Revolution als jenem Mittel, das auch mit Gewalt die EigentumsverhĂ€ltnisse radikal in Frage stellt und öffentliche Verhandlungen ĂŒber die Produktion erst ermöglicht, bestand vor langer Zeit der Konsens, dass man gerade als RevolutionĂ€r die öffentliche Ordnung inklusive des individuellen Rechts auf Eigentum vor dem Zugriff eines Gesindels zu schĂŒtzen habe, das Marx als âAuswurf, Abfall, Abhub aller Klassenâ beschrieben hat. Als vor 150 Jahren ein wirklicher BĂŒrgerkrieg in Frankreich tobte, versuchten die Pariser RevolutionĂ€re nicht etwa die alte Ordnung aufrechtzuerhalten, sondern machten sich daran, ein ganz anderes Gewaltmonopol durchzusetzen, das auf möglichst dezentralen BĂŒrgerkomitees fuĂte, die ihrem Auftraggeber jederzeit Rechenschaft schuldeten. âDie Polizei, bisher das Werkzeug der Staatsregierung, wurde sofort aller ihrer politischen Eigenschaften entkleidet. Und in das verantwortliche und jederzeit absetzbare Werkzeug der Kommune verÂwandeltâ (S. 339) vermerkte Marx in Der BĂŒrgerkrieg in Frankreich (1) wenige Monate nach der Niederlage der Pariser Kommune. ZunĂ€chst ĂŒbernahm vorwiegend die Nationalgarde die Funktion der Polizei und entwickelte sich zur bewaffneten Agentur des Pariser Aufstandes und damit zur BĂŒrgerkriegspartei gegen die der Versailler Republik gegenĂŒber loyalen Truppen, hinter denen die preuĂische Armee stand.
Die Revolution von 1870/71 setzte einen Klassenkompromiss voraus, den die Herrschenden erst angesichts der drohenden Niederlage gegen die deutschen Eindringlinge einzugehen gewillt waren, um das Blatt militĂ€risch noch zu wenden. Je aussichtsloser sich die Lage an der Front darstellte, desto rapider verfiel die öffentliche Ordnung, vor allem im Paris. Regional, keineswegs auf die Hauptstadt beschrĂ€nkt, herrschte BĂŒrgerkrieg, weil nicht nur irgendwelche AufstĂ€ndischen gegen den fest im Sattel sitzenden Staat rebellierten, sondern der im Grunde entmachtete und zur partikularen Bande der herrschenden Klasse herabgesunkene SouverĂ€n die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Usurpatoren jenseits des Rheins zu den Waffen gerufen hatte, die allerdings der alten Ordnung im Gewand einer gar nicht sehr neuen Republik ebenso feindlich gegenĂŒberstand wie den Deutschen. In den 100 Tagen der Kommune wandte sich die saturierte Bourgeoisie dann unter dem Schutz der Deutschen genauso gegen die Fortsetzung des Krieges wie gegen die in Paris aufkeimende neue Ordnung. Die Fraktion der Sicherheit blamierte sich und ging zum ĂŒberhaupt nicht brĂŒderlichen Angriff auf die Kommune ĂŒber. Mit den Worten, âdie Kommune, rufen sie aus, will das Eigentum, die Grundlage aller Zivilisation abschaffen!â (S. 342) gibt Marx den Kern der Propaganda der in Versailles sitzenden, angeblich legitimen Französischen Republik wieder. Seine Antwort fiel allerdings komplexer aus, als es Parteikommunisten oder romantischen Staatsfeinden lieb sein kann: âJawohl, meine Herren, die Kommune wollte jenes Klasseneigentum abschaffen, das die Arbeit der vielen in den Reichtum der wenigen verwandelt. Sie beabsichtigt die Enteignung der Enteigner. Sie wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital, jetzt vor allem die Mittel zur Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in bloĂe Werkzeuge der freien und assoziierten Arbeit verwandelt.â (ebd.)
Der BĂŒrgerkrieg in Frankreich, aus dem âdas heitere Arbeiter-Paris der Kommuneâ (S. 357) hervorging, entsprang dem ĂberÂdruss an der Diktatur Napoleons III. und dem Hass auf die Deutschen. Was als die Verteidigung des Territoriums gegen Eindringlinge begann, wandelte sich in einen Krieg zwischen denen, die durch ihre Arbeit den Reichtum erzeugten, und jenen, die ihn sich nach den Gesetzen der kapitalistischen Produktionsweise aneigneten. Wie in der ersten Phase der Februarrevolution von 1848 trat auch wĂ€hrend der Kommune nicht ein, was die um ihr Eigentum bangende Bourgeoisie den AufstĂ€ndischen propagandistisch unterstellte. Es kam nur vereinzelt zu PlĂŒnderungen, und das nicht nur deswegen, weil fĂŒr den Schutz des privaten Eigentums und die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit die mit der Revolution verbundene Nationalgarde einstand. Als ob die Kommunarden und ihre VorgĂ€nger Paris kurzfristig als ihr Eigentum wahrnahmen, unterblieb die individuelle WillkĂŒr gegen die plötzlich ungeschĂŒtzten Privilegierten weitgehend, und auch Brandstiftungen gab es damals nicht. Der Traum von einer Sache war gröĂer als schĂ€bige SchnĂ€ppchenjĂ€gerei oder von Rachemotiven geleiteter Vandalismus, die ihn zerstört hĂ€tten. Marx war bei allem Ăberschwang nur scheinbar widersprĂŒchlich ein Freund der öffentlichen Sicherheit: âWunderbar in der Tat war die Verwandlung, die die Kommune an Paris vollzogen hatte. [âŠ] Keine Leiche mehr in der Morgue, keine nĂ€chtlichen EinbrĂŒche und fast keine DiebstĂ€hle mehr; seit den Februartagen von 1848 waren die StraĂen von Paris wirklich einmal wieder sicher, und das ohne irgendwelche Polizei.â (S. 348)
Regionalismus und autochthone Schreckensherrschaft
Wie im Jahr 2005, als die bis dahin gröĂte, aber keineswegs erste Gewaltwelle in den Banlieues wĂŒtete und auch auf die Viertel der relativ Arrivierten ĂŒbergriff, ist auch im Jahr 2023 trotz der erhebliÂchen Zunahme und IntensitĂ€t der AggresÂsion in den TĂ€tern und ihrem auĂer KonÂtrolle geratenen Hinterland kein BĂŒrgerkriegsÂpotential zu erkennen. Heute wie damals fehlt es an Menge, AusrĂŒstung und OrgaÂnisation bei den VorstadtmĂ€nnern, wĂ€hrend zugleich die Staatsmacht nicht wankt. Obwohl jeder erkennt, dass all jenen nur tödlicher Hass aus den VorstĂ€dten entgegenschlĂ€gt, die deren verkommene Moralvorstellungen ablehnen, wenden die lumpenakademischen Propagandisten der âRevolteâ noch den Umstand, dass der Staat die brutalen Methoden der Marodeure nicht anwendet, weshalb der 2005 von PrĂ€sident Sarkozy herbeigewĂŒnschte Hochdruckreiniger bis heute gerade nicht zum Einsatz gekommen ist, gegen ihn. Ihren islamischen VerbĂŒndeten Ă€hnlich, missdeuten sie den abwĂ€genden und manchmal zögerlichen Einsatz der Gewaltmittel als Zeichen der SchwĂ€che, so als ob sie sich nach der strafenden Hand sehnten.
Zu Hause agieren die Enragierten an den vom eigenen Viertel Entrechteten, zu denen die sich nicht der islamischen Moral unterwerfenden Frauen gehören, ihre âFreiheitâ aus und nehmen zugleich als die jĂŒngeren BrĂŒder der kriminellen Patrone glĂ€ubig hin, was diese ihnen vorschreiben. Die dauernde Kontrolle durch die Allianz von krimineller Ăkonomie und totalitĂ€rer Ideologie mit ihrer Sondergerichtsbarkeit, die noch einen Mord bei EntschĂ€digungszahlung ungesĂŒhnt lĂ€sst, die jederzeit abrufbare Lynchjustiz, zu der immer wieder auch Gruppenvergewaltigungen an jungen Frauen und brutale Ăbergriffe auf Schwule gehören, sind der Kitt einer dehumanisierten Gemeinschaft, deren jeweils spontan sich zusammenfindende Avantgarde zu allem fĂ€hig ist. Obwohl fast jedermann mit Erleichterung das Ende des Spuks zur Kenntnis nahm, wird nur unter Vorbehalten der Wiederherstellung der Ordnung durch die Polizei zugestimmt. So viel FraternitĂ© darf es nicht geben, obwohl gerade sie die Voraussetzung dafĂŒr wĂ€re, auch unterhalb der Anwendung unmittelbaren Zwangs die VerhĂ€ltnisse in den VorstĂ€dten so zu Ă€ndern, dass nicht einer angeblich rassifizierten oder gar zur Arbeiterklasse schöngeredeten Jugend Geschenke gemacht werden, die wie Schutzgeldzahlungen wirken. Das ist das, was die Ideologen in der Taz oder in der LibĂ©ration meinen, wenn sie ausrufen: âDer Preis fĂŒr die Morde, die von PoÂliÂzisÂt*inÂnen begangen und von der Politik ĂŒberhaupt ermöglicht werden, muss nach oben getrieben werdenâ (Taz, 3.7.2023), und damit die Logik der Marodeure beÂdienen.
Im akademischen Diskurs wird als Urheber der jĂŒngsten Unruhen regelmĂ€Ăig der Staat in der besonders gefĂ€hrlichen Variante des Zentralstaats prĂ€sentiert â gerade so, als wĂ€re die Delegierung der Gewalt an eine nunmehr regionale Polizei und Administration das probate Mittel, die Marodeure aus den VorstĂ€dten am Ende gar gewaltfrei zu bĂ€ndigen. Ein Gegner der zentralisierten und hierarchisierten Macht war auch Marx, aber nicht, um unwiderruflich untergegangenen vorbĂŒrgerlichen VerhĂ€ltnissen zu huldigen, sondern um die bĂŒrgerliche in eine herrschaftsfreie Ordnung zu ĂŒberfĂŒhren. âSobald die kommunale Ordnung der Dinge einmal in Paris und den MittelÂpunkten zweiten Ranges eingefĂŒhrt war, hĂ€tte die alte zenÂtralisierte Regierung auch in den Provinzen der Selbstregierung der Produzenten weichen mĂŒssen.â An die Abschaffung eines die vereinigten Produzenten verbindenden Konsenses dachte er dabei nicht, sondern setzte auf die Einheit der Nation ohne Zwang: âDie Einheit der Nation sollte nicht gebrochen, sondern im Gegenteil organisiert werden durch die Kommunalverfassung; sie sollte eine Wirklichkeit werden durch die Vernichtung jener Staatsmacht, welche sich fĂŒr die Verkörperung dieser Einheit ausgab, aber unabhĂ€ngig und ĂŒberlegen sein wollte gegenĂŒber der Nation, an deren Körper sie doch nur ein Schmarotzerauswuchs war. [âŠ] Statt einmal in drei oder sechs Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk im Parlament ver- und zertreten soll, sollte das allgemeine Stimmrecht dem in Kommunen konstituierten Volk dienen, wie das individuelle Stimmrecht jedem andern Arbeitgeber dazu dient, Arbeiter, Aufseher und Buchhalter in seinem GeschĂ€ft auszusuchen.â (S. 339) Gegen die Regionalisten seiner Zeit mit ihrem Genossenschaftswesen, die irgendwie am KapitalverhĂ€ltnis vorbei wirtschaften wollten, um sich selbst zu verwalten, wandte er ein: âEs ist das gewöhnliche Schicksal neuer geschichtlicher Schöpfungen, fĂŒr das SeitenstĂŒck Ă€lterer und selbst verlebter Formen des gesellschaftlichen Lebens versehen zu werden, denen sie einigermaĂen Ă€hnlich sehen. So ist diese neue Kommune, die die moderne Staatsmacht bricht, angesehen worden fĂŒr eine Wiederbelebung der mittelalterlichen Kommunen, welche jener Staatsmacht erst vorausgingen und dann ihre Grundlage bildeten.â (S. 340)
Zentralstaat und Nation
Der befreiungsbewegte linke RegioÂnalismus verlor in den letzten Jahrzehnten zunehmend seinen Reiz, ohne dass die Idee je aufgegeben worden wĂ€re. Zu offensichtlich bricht die wohlstandsÂchauÂvinistische Zielsetzung hervor, wenn ganze Provinzen dem sich im Niedergang befindenden Zentralstaat den RĂŒcken kehren, um in der innereuropĂ€ischen Konkurrenz besser zu bestehen und sich Transferzahlungen an weniger entwickelte Landesteile zu entziehen. Beerbt wird diese Ablehnung des Zentralstaats lĂ€ngst von einer keine Grenze kennenden islamischen Bandenideologie in ebenso heruntergekommenen wie randstĂ€ndigen Vierteln, deren brĂŒchige Ordnung und Elendsökonomie nur durch das Versprechen auf Landnahme und Raub aufrechterhalten wird, zu dem die Erpressung des von der Republik zu leistenden Schutzgelds gehört. Regionalismus ohne einen die jeweilige Binnenmoral eines Landstrichs transzendierenden Konsenses, den man frĂŒher BrĂŒderlichkeit nannte, endet nicht unbedingt in den ZustĂ€nden, die in den einschlĂ€gigen Wohnvierteln von Nanterre lĂ€ngst RealitĂ€t sind. Die bedrĂŒckenden VerhĂ€ltnisse im postmodern aufgeputzten Baskenland, wo völkische Zusammengehörigkeit und brĂŒsker Hass auf Ă€rmere Spanier in anderen Regionen sich praktisch immer gegen den Zentralstaat richten, geben einen Hinweis auf eine neue Welt, in der FraternitĂ© eine Sache des Bluts ist.
Gegen die Marodeure der Tat und des Worts bietet einzig der von den gleichen Ideologen so leidenschaftlich bekĂ€mpfte Zentralstaat Schutz, da die von Marx geforderte Abschaffung der Polizei und die Selbstverwaltung auch in Ordnungsfragen in pervertierter Form gerade dort RealitĂ€t wird, wo der Terror regelmĂ€Ăig seinen Ausgang nimmt. Statt eines heiteren Paris der Arbeiter wĂŒrde der Sieg dieser Regionalisten die Hauptstadt in eine TrĂŒmmerwĂŒste verwandeln, wovon sie Anfang Juli vor allem in der Provinz Kostproben in Menge gereicht haben. Der Zentralstaat gewĂ€hrt in unfreien Zeiten nicht nur die Freiheit, sich unbehelligt bewegen zu können. Er ist es auch, der alle auf die gleiche monopolisierte und in der Republik auch weitgehend kontrollierbare Gewalt einschwört, statt die BĂŒrger zur Barbarei tendierenden Partikulargewalten auszusetzen. Die aktuell gepflegte Ablehnung des Zentralstaats bezweckt die Delegitimierung der auf dem Gebiet der ganzen Republik geltenden öffentlichen Ordnung zugunsten des in den Banlieues sich etablierenden Gegenstaats als legitimer Gewalt. Dessen Subjekte sollen ihre Angelegenheiten nach ihrer kollektiven IdentitĂ€t ordnen, was ihrer Auslieferung an das Faustrecht der StĂ€rkeren gleichkommt â ob sie die Faust nun kĂŒssen oder verabscheuen. FĂŒr immer sollen sie Herrschaftsformen ausgeliefert werden, die nicht allgemein und abstrakt und daher kalt wirken wie die der Republik, sondern persönlich und daher so warm wie Blut, das fĂŒr die Rassifizierung der Banlieues genauso steht wie fĂŒr das ganz konkrete Blut der Bestraften. FĂŒr die Republik sind Mohamed oder François nicht das Kriterium, sondern Citoyen Mohamad und Citoyen François, die ihren jeweiligen privaten und politischen Zielen nachgehen sollen, solange sie mit den Gesetzen der Republik und nicht denen von Clanchefs und Moscheevorstehern konform gehen. Dieses Versprechen klingt abgedroschen, auf ihrer Grundlage kann Freiheit, die mehr bedeuten soll als der Schutz vor drohender Gewalt und des ungleich verteilten Einkommens, unmöglich verwirklicht werden â von den in Trostlosigkeit und Einsamkeit verkĂŒmmernden Monaden ganz zu schweigen. Die Republik hat nach den jĂŒngsten Unruhen vor allem BĂŒrgermeister geehrt, deren Gemeinden und insbesondere RathĂ€user schwer betroffen waren. Mit der Trikolore geschmĂŒckt, wurden die AmtstrĂ€ger vom PrĂ€sidenten und seinen Ministern als Patrioten geehrt, wobei das Wort FraternitĂ© dauernd bemĂŒht wurde. Diese bestimmt sinnvolle Geste der SolidaritĂ€t hat zugleich die Hohlheit des zum Glaubensbekenntnis abgewirtschafteten Begriffs kenntlich gemacht. Und doch ist die Verwirklichung einer besseren Ordnung der Dinge ohne den Traum von einer Sache, dass die Welt besser einzurichten sei, als die Grande Nation es zu leisten vermag, nur auf Grundlage der Republik möglich. Das vermögen nur Citoyen Mohamad und Citoyen François nur gemeinsam, indem sie sich gegen die in den Banlieues wĂŒtende identitĂ€re Gewalt wenden. Anders ist die notwendige Kritik an den nie eingelösten Versprechungen der Republik, die immerhin die individuelle Sicherheit und den ungestörten Genuss des je persönlichen Eigentums verspricht, ohne eine vernĂŒnftig eingerichtete Welt zu verwirklichen, nicht zu haben.
Nichts habt Ihr zu wÀhlen!
Der Erfolg der Marodeure aus den Banlieues beruht auf dem MissvergnĂŒgen von Leuten, die als Bourgeois nicht den Schnitt machen, den sie sich erhoffen, als Pseudo-Citoyens der Republik den Tod wĂŒnschen und ihr deshalb die Moslembanden aus den VorstĂ€dten auf den Hals schreiben. Sie wollen Rache nehmen an ihren zumeist linken Eltern, die ihnen womöglich nichts hinterlassen werden, und an einem Staat, der sie nicht mehr als Beamte versorgt, und wenn doch, dann nicht zu den Bedingungen, die er der VorgĂ€ngergeneration noch gewĂ€hrte. Die Töchter und Söhne aus zumeist gutem Haus sind sich sicher, dass sie keine andere Wahl haben, als anderen beim ZĂŒndeln zu helfen, auch wenn fĂŒr sie damit kein Schutzgeld vom Staat zu holen ist.
Eine Tirade Spiegelbergs in Schillers RĂ€uber mag das verdeutlichen: âWahl? Was? Nichts habt ihr zu wĂ€hlen! Wollt ihr im Schuldthurm stecken, und zusammenschnurren, bis man zum jĂŒngsten Tag posaunt? Wollt ihr euch mit der Schaufel und Haue um einen Bissen trocken Brod abquĂ€len? Wollt ihr an der Leute Fenster mit einem BĂ€nkelsĂ€nger Lied ein mageres Allmosen erpressen? oder wollt ihr zum Kalbsfell schwören â und da ist erst noch die Frage, ob man euren Gesichtern traut â und dort unter der milzsĂŒchtigen Laune eines gebieterischen Korporals das Fegfeuer zum voraus abverdienen? oder bey klingendem Spiel nach dem Takt der Trommel spazieren gehn, oder im Gallioten Paradis das ganze Eisen-Magazin Vulkans hinterschleifen? Seht, das habt ihr zu wĂ€hlen, da ist es beysamen, was ihr wĂ€hlen könnt!â Die Klage ĂŒber die wenig erfreulichen Zukunftsaussichten der deutschen Intelligenz des Jahres 1780 war auch damals schon larmoyant und groĂmannssĂŒchtig zugleich und damit letzter Schrei unter nicht nur materiell prekĂ€ren bĂŒrgerlichen Akademikern in halbfeudalen Zeiten, die, weit davon entfernt, eine bĂŒrgerliche Revolution vorzubereiten, sich in Studentenkneipen betranken und in den nĂ€chtlichen StraĂen ganz antibĂŒrgerlich gestimmt Radau machten.
Mehr als zwei Jahrhunderte spĂ€ter gilt es nach dem Motto âHurra Hurra die Schule brenntâ, TĂ€ter als Opfer des Systems hochleben zu lassen, die alles dafĂŒr tun, dass ihnen keine andere Wahl bleibt, als gelegentlich fĂŒr einen kriminellen Patron zu arbeiten, der Jugendliche ohne FĂŒhrerschein fĂŒr ein Butterbrot als Auslieferungsfahrer beschĂ€ftigt. Statt die zumeist jugendlichen TĂ€ter als die Gemeingefahrzu brandmarken, die sie sind, ihre Eltern als zwar entmachtete, aber zugleich mitverantwortliche Gestalten anzuklagen, die sich lĂ€ngst den Gesetzen der Parallelgesellschaft unterworfen haben, statt mit den Agenturen des Staates zusammenzuarbeiten, zu denen eben nicht in erster Linie die Polizei gehört, sondern die Lehrer, Bibliothekare und Jugendamtsmitarbeiter, solidarisiert sich die Lumpenintelligenz mit Terroristen, die ihrer nĂ€chsten Gelegenheit entgegenfiebern. Ăber sie glaubt man zu wissen, dass sie einer nationalen Tradition verpflichtet seien, wenn sie die HaustĂŒr eines BĂŒrgermeisters mit einem brennenden Auto einrammen und die mit ihren Kinder fliehende Frau des BĂŒrgermeisters aus nĂ€chster NĂ€he mit KanonenschlĂ€gen attackieren.
Reale und symbolische Gewalt
Zur deutschen Romantik gehört der verklĂ€rte Blick auf das angeblich stets widerstĂ€ndige und zur Revolution bereite Frankreich, weshalb Barrikadenbau und StraĂenschlachten unabhĂ€ngig von deren Zielsetzung glorifiziert werden. In Paris oder Berlin ist man sich einig: âEgal ob Gelbwesten oder monatelange Streiks: Immer gehen in Frankreich Fensterscheiben zu Bruch, werden Barrikaden errichtet und Autos angezĂŒndet. Immer antwortet die Polizei mit noch mehr Gewalt. Doch nur im Fall der Jugendlichen in den VorstĂ€dten wird mit einem derart groĂen Entsetzen reagiert. Es stellt sich die Frage, ob einige BeÂobÂachÂteÂr*inÂnen hier mit zweierlei MaĂ messen.â (Taz, 3.7.2023) Entsetzlich genug, dass Randerscheinungen bei den Protesten der Gelbwesten oder jĂŒngst gegen die Rentenreform mit den in der Konsequenz mörderischen AktivitĂ€ten des moslemischen Vorstadtmobs in der TatausfĂŒhrung quantitativ und sogar qualitativ auf eine Stufe gestellt werden. Man liest dergleichen GrĂ€uelpropaganda, die eben nicht nur in den FlugblĂ€ttern und BroschĂŒren der letzten Heuler aus der radikalen Linken steht, sondern diskursiv aufgeputzt im UniversitĂ€tsskript oder dem Leitartikel von auflagenstarken Tageszeitungen, ohne auch nur darĂŒber zu erschrecken, was das eigene Milieu ausbrĂŒtet. Die Gleichstellung völlig unterschiedlicher Protestformen ist nicht nur eine groteske LĂŒge, denn Streiks und soziale Proteste in Frankreich fĂŒhren nicht dazu, dass eine Frau mit ihren Kindern vor den Brandstiftern um ihr Leben rennt, die einen Lynchmord vorlaĂŒfig nur simulieren. Dass die Begleiterscheinungen sozialer Proteste mit dem ungleich brutaleren, einzigen Zweck moslemischer Landnahme auf eine Stufe gestellt und gleichberechtigt zum Wesensmerkmal republikanischer Tradition verklĂ€rt werden, ist Indiz fĂŒr eine gar nicht nur französische Abstumpfung und Verrohung, die auf ein unausgesprochenes BĂŒndnis hindeutet.
Zu den Methoden der Gelbwesten im Jahr 2018 gehörten vorwiegend StraĂenÂbarrikaden, die in vielen FĂ€llen auch angeÂzĂŒndet wurden, allerdings auĂerhalb bewohnter Gebiete. Der an die Banlieue-Ausschreitungen erinnernde Vandalismus am Rande der Proteste ging damals vorwiegend von einem Schwarzen Block aus, der auf keine breite Sympathie bei denen mit den gelben Westen rechnen konnte. Die vom gleichen Spektrum veranstalteten PlĂŒnderungen von GeschĂ€ften in mehreren InnenstĂ€dten wĂ€hrend der Rentenproteste im FrĂŒhjahr 2023 erinnern ebenfalls fatal an die Attacken der Vorstadtbanden. Allerdings fanden diese Gewaltakte vereinzelt statt und prĂ€gten nicht das Bild der jeweiligen Kundgebungen. Wie schon 2018 scheinen die organisiert agierenden Gruppen einem zwar besonders verrohten, aber marginalen Teil der radikalen Linken anzugehören, der in deutscher Widerstandstradition auf das Herbeibomben des faschistischen Staates setzt. Ausschlaggebend ist, dass die Anleihen, die Linksradikale bei den Methoden der Vorstadtmobs nehmen, nicht nur die aus ökonomischen GrĂŒnden entstandenen Proteste diskreditieren, sondern auch den Unterschied zwischen grundverschiedenen Intentionen bei der Anwendung von Gewalt verschwimmen lassen.
In scheinbar lĂ€ngst vergangenen Zeiten war das ZĂŒndeln in Deutschland die DomĂ€ne von BĂŒrgerkindern und in Frankreich auch regelmĂ€Ăig die hĂ€ufig wenig sinnvolle Begleiterscheinung vernĂŒnftiger Proteste, begangen von Leuten, die der Bourgeosie nicht angehörten. Man gewĂ€hrte den Aktivisten mehr oder weniger groĂzĂŒgig ihr Spiel mit dem Feuer, da man wusste, dass, egal wie viele entglaste Schaufensterscheiben, beschĂ€digte Bankfilialen und gelegentlich geplĂŒnderte GeschĂ€fte auch zu verzeichnen waren, alle Beteiligten einem Konsens folgten: Es ging um ein Spiel in relativ geregelten Bahnen â diese Gewalt war symbolisch.
Seit die Banlieues in Frankreich ernst machen und den Krieg gegen die BĂŒrger immer brutaler fĂŒhren, verschwindet die Ebene des Symbolischen auch dort, wo die Vorstadtjungs gar nicht dabei sind. Die interessieren sich zum Beispiel nicht fĂŒr LohnabhĂ€ngige, die sich ein möglichst langes und auskömmliches Leben nach der Arbeit nicht nehmen lassen wollen, weshalb bei den Rentenprotesten Mohamed dem François freie Bahn lieĂ. Wahrscheinlich ist der französische schwarze Block 2023 gar nicht anders vorgegangen als in den Jahren davor, wahrscheinlich wird weiterhin darauf geachtet, dass Unbeteiligte nicht geschĂ€digt werden und doch ist seit dem Terror von 2005 und weit mehr noch dem von 2023 alles anders. Die Ebene der symbolischen Gewalt von âweiĂenâ Linksradikalen, die immer dann nicht viel zĂ€hlte, wenn es galt, Polizeibeamte auĂer Gefecht zu setzen, verschwindet, wenn zwischen Original und angeblicher FĂ€lschung nicht mehr unterschieden werden kann.
Was der Staat in Frankreich nie verÂmochte, könnte einer radikalen Linken gelingen, deren RĂ€cherideologie, mehr noch als die Methoden, auf eine Kumpanei mit den islamischen Banden hinauslĂ€uft. Ihre âPraxisâ ist geeignet, öffentliche Manifestationen fĂŒr die Verbesserung der LebensumstĂ€nde in Zeiten einer sich verschĂ€rfenden ökonomischen Krise zu verhindern, die von Leuten getragen werden, die noch etwas vom Leben erwarten. Diese Leute haben mit Schrecken von den Massakern in Nizza und im Pariser Bataclan hören mĂŒssen, ihnen ist auch nicht entgangen, mit welcher Begeisterung die aus den Banlieues den Massenmorden vor allem in den sozialen Netzwerken zugestimmt haben. Wer heute plĂŒndert und BĂŒrgermeisterĂ€mter angreift, tut nicht nur etwas sehr Dummes, er lĂ€sst auch sein unbewusstes EinverstĂ€ndnis mit den disruptiven ökonomischen VerhĂ€ltnissen durchscheinen, die er von ihrer noch zivilisierenden politischen HĂŒlle befreien will. Die gleichen Lumpenintellektuellen und ihre praktizierenden VerbĂŒndeten aus dem arrivierten intellektuellen Mittelstand können keinen Widerspruch mehr erÂkenÂnen, wenn die von ihren Genossen ausÂÂgeĂŒbte ârevolutionĂ€re Gewaltâ sich vom Massenterror aus den VorstĂ€dten nicht mehr unterscheidet. Ihre Ăberzeugung, dass es nichts zu wĂ€hlen gebe und die bĂŒrgerliche Freiheit abgeschafft sei, herrschen sie allen Kritikern brutal auf, die sie zum Beispiel am Demonstrieren hindern. Ihre Devise âHolt Euch Euer Leben zurĂŒck!â meint die Zerstörung aller materiellen und intellektuellen Grundlagen fĂŒr ein besseres Leben und zwingt sie ins BĂŒndnis mit den identitĂ€ren ReprĂ€sentanten einer keine Skrupel mehr kennenden Banden-Ăkonomie, die allein dem Recht der StĂ€rkeren folgt und die sie genauso bewundern wie fĂŒrchten.
In einem Land, dessen Intelligenz einer antisemitischen, aber zackig klassenkĂ€mpferischen NobelpreistrĂ€gerin huldigt und wie jene einem revolutionĂ€r gestimmten antisemitischen VolksfĂŒhrer ihre Stimme gibt, ohne dass sich Widerspruch regen wĂŒrde, wird auch der zwischen dem 28.6. und 3.7.2023 aus den VorstĂ€dten immer wieder zu hörende und auf HauswĂ€nde geschmierte Ruf nach einer Wiederholung der Shoah an wahrscheinlich nicht nur den Juden als Lappalie abgetan. In einem solchen Land ist auch ein BĂŒrgerkrieg nicht ausgeschlossen.
Justus WertmĂŒller / https://redaktion-bahamas.org/hefte/92/Ein-B%C3%BCrgerkrieg-findet-vorl%C3%A4ufig-nicht-statt.html









