Die Berliner Behörden verfolgen nun strafrechtliche Verfahren gegen Beamte im Neuköllner Bezirk wegen Vorwürfen, ein Vergewaltigungsfall im Jugendzentrum sei faktisch begraben worden, weil das Personal nicht zur Stigmatisierung der “muslimischen Jungen” beitragen wollte.
Die bisher schwerwiegendsten politischen Folgen betreffen Sarah Nagel von der Linkspartei, Neuköllns Stadträtin für Jugendangelegenheiten, gegen die laut Welt nun Verfahren wegen angeblicher Behinderung der Justiz laufen.

Strafanzeigen wegen anderer möglicher Straftaten wurden laut der Berliner Bildungs- und Jugendsenatorin Katharina Günther-Wünsch, Mitglied der Partei Christlich Demokratische Union (CDU), ebenfalls Strafanzeigen wegen anderer möglicher Straftaten gegen den Leiter des Jugendamtes im Bezirk erhoben.
Der Fall hat in ganz Berlin Empörung ausgelöst, da die angebliche Vertuschung nicht nur ein bürokratisches Versagen war, sondern eine bewusste Entscheidung, die Behörden trotz wiederholter Warnungen von externen Mitarbeitern nicht einzuschalten.
Anfang dieser Woche berichtete Remix News über eine eidesstattliche Erklärung, die von Mitarbeitern einer benachbarten Einrichtung bei den Berliner Behörden eingereicht wurde, die das Personal des Jugendzentrums Wutzkyallee aufforderten, eine Strafanzeige wegen schwerer sexueller Übergriffe einzureichen. Laut der Erklärung wurden diese Anrufe ignoriert.
Die eidesstattliche Erklärung, die von Bild und BZ reproduziert wurde, lautete: “In diesem Zusammenhang haben wir den Koordinator der Sozialdienste darüber informiert, dass ein Bericht eingereicht werden muss. Die Koordinatorin für soziale Dienste verzichtete darauf, da sie die Marginalisierung der Gruppe der Täter befürchtete. Im Wesentlichen erklärte sie, dass die muslimischen Jungen bereits ausreichend im Visier der Polizei seien und dass sie einen allgemeinen Verdacht vermeiden wolle.”
Im Zentrum des Falls soll ein 16-jähriges Mädchen im November letzten Jahres im Jugendzentrum Neukölln von einem jugendlichen Verdächtigen vergewaltigt worden sein. Monate später wurde sie angeblich erneut in derselben Einrichtung sexuell missbraucht, diesmal von einer Gruppe von bis zu acht muslimischen Jugendlichen in einem abgelegenen Raum im Zentrum.
Laut früheren Berichten hatte das Zentrum angeblich wiederholtes sexuelles Fehlverhalten beobachtet, darunter Mädchen, die zwangsweise umarmt, ohne Zustimmung an Brüsten und Gesäß begrapscht und auf den Schoß von Jungen gezogen wurden.
Die Täter sollen die Übergriffe gefilmt und das Filmmaterial genutzt haben, um das Opfer zu erpressen. Es heißt auch, dass sie versucht haben, ihre jüngere Schwester zu kontaktieren und sie unter Druck zu setzen, sich mit ihnen zu treffen.
Einer der schädlichsten Aspekte der Affäre ist die Zeitlinie, die sich nun abzeichnet, wer wann was wusste. Die Polizei wurde erst am 23. Februar dieses Jahres auf den Fall aufmerksam, nachdem der Vater des Opfers eine Anzeige erstattet hatte. Laut dem Bezirk war das Jugendamt bereits am 28. Januar informiert worden, aber weder von der Institution selbst noch vom zuständigen Bezirksamt wurde eine Beschwerde eingereicht.
Nagel erfuhr Berichten zufolge erst am 2. März von den Vorfällen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Berliner Senatsverwaltung bereits begonnen, die Angelegenheit zu untersuchen, nachdem sie Ende Februar einen anonymen Hinweis erhalten hatte.
Laut Welt sagte Günther-Wünsch den Abgeordneten im Berliner Abgeordnetenhaus, dass ihre Regierung nach Kenntnis des Falls eine Untersuchung eingeleitet habe, aber widersprüchliche Angaben aus dem Bezirk führten zu einer formellen Überprüfung, die feststellte, dass kein standardisiertes Kinderschutzverfahren eingeleitet worden sei.
“Ich bin immer noch schockiert und tief betroffen von dem Leiden”, sagte die Senatorin während der Fragestunde im Parlament.
Sie kritisierte auch scharf die Führung des Neuköllner Bezirks. “Es reicht nicht aus, Besorgnis zu äußern”, sagte sie und fügte hinzu, dass nun “klare und greifbare Konsequenzen” erforderlich seien.
Günther-Wünsch warf dem Bezirksbürgermeister Martin Hikel vor, keine Verantwortung übernommen zu haben. “Kein einziges Wort zu diesem Fall, keine Übernahme der Verantwortung”, sagte sie und kritisierte die Tatsache, dass eine Bezirksrätin, die selbst untersucht wird, weiterhin an der Aufklärung des Falles teilzunehmen durfte.
Der Jugendclub Wutzkyallee ist laut Bezirk seit dem 13. März geschlossen. Das Berliner Staatskriminalamt und die Staatsanwaltschaft untersuchen nun die mutmaßlichen Übergriffe.
Ein Antrag, Nagel aus dem Amt zu entfernen, wurde zunächst von der Tagesordnung blockiert und wird voraussichtlich frühestens nächsten Monat neu eingebracht.
Nagel sagte am Mittwoch, dass ein Mitarbeiter des Jugendamtes auf eine andere Position versetzt worden sei, wobei weitere Maßnahmen noch geprüft werden, während die Untersuchung andauert.
