In der Nacht zum 9. Juni kam es um 1:40 Uhr in weiten Teilen Reutlingens zu einem großflächigen Stromausfall. Ganze Stadtteile und umliegende Gemeinden waren betroffen. Anwohner berichteten von lauten Geräuschen, die wie Explosionen oder starke elektrische Entladungen klangen.
In Videos, die in sozialen Netzwerken kursierten, war ein großes Feuer im Umspannwerk Reutlingen-West zu erkennen. Über dem Industriegebiet Betzingen leuchtete der Himmel zeitweise hell auf.
Laute Detonationen und lodernde Flammen – was die Bewohner in jener Nacht wirklich erlebten
Die Feuerwehr rückte zu einem Großeinsatz aus und brachte den Brand erst gegen 5 Uhr unter Kontrolle. Ermittler gehen davon aus, dass ein oder mehrere bislang unbekannte Täter auf das Gelände vorgedrungen sind und an mehreren Stellen gleichzeitig Feuer gelegt haben. Das Netzunternehmen Netze BW stellte später drei bis vier separate Brandherde fest. Hinweise deuten darauf hin, dass das Gelände im Vorfeld von verschiedenen Personengruppen ausgekundschaftet worden war.
Mehrere Brandherde gleichzeitig – Hinweise auf eine gezielte und vorbereitete Aktion
Die Generalstaatsanwaltschaft Baden-Württemberg hat das Verfahren übernommen. Das Staatsschutzzentrum und das Antiterrorismuszentrum Baden-Württemberg sind in die Ermittlungen des Landeskriminalamtes eingebunden. Bis zum Mittag des 10. Juni konnte die Stromversorgung für fast alle Privathaushalte wiederhergestellt werden, teilweise über provisorische Leitungen oder durch Umstellung auf andere Umspannwerke. Dennoch sind einige Haushalte und rund 50 Unternehmen, die über das beschädigte Umspannwerk Reutlingen-West versorgt werden, weiterhin ohne reguläre oder nur mit provisorischer Stromversorgung. Die Netzbetreiber arbeiten mit Hochdruck an der vollständigen Wiederherstellung.
Von der örtlichen Polizei bis zum Antiterrorzentrum – wie die Ermittlungen rasch an Bedeutung gewannen
Die Vorgehensweise in Reutlingen weist deutliche Parallelen zu früheren Angriffen auf die Stromversorgung auf. Im März 2024 wurde ein Hochspannungsmast bei der Tesla-Gigafactory in Grünheide in Brand gesetzt. Im September 2025 brannten in Berlin-Johannisthal mehrere Stromkabel, was zu tagelangen Ausfällen führte. Im Januar 2026 kam es in Berlin-Lichterfelde zu einem Brand mehrerer Hochspannungskabel auf einer Kabelbrücke. Die Täter nutzten dort Brandbeschleuniger und legten Feuer an mehreren Stellen gleichzeitig. Es handelte sich um den größten Stromausfall der deutschen Nachkriegsgeschichte. Alle diese Taten werden der sogenannten Vulkangruppe zugerechnet.
Ein wiederkehrendes Muster in Grünheide und Berlin – was die früheren Fälle über Reutlingen verraten
In Reutlingen legten die Täter vier Brände im Umspannwerk. Auch hier kam offenbar Brandbeschleuniger zum Einsatz, erste Erkenntnisse deuten auf die Verwendung von Reifen hin. Der bereits zuvor beschädigte Zaun zeigt, dass das Gelände vorher ausgekundschaftet wurde. Die gleichzeitige Zündung mehrerer Brandstellen spricht dafür, dass die Täter über Kenntnisse der Anlage verfügten und gezielt Schwachstellen ausnutzten.
Gezielte Schwachstellen-Ausnutzung und Brandbeschleuniger – wie professionell die Täter vorgingen
Nach dem Brandanschlag erschien auf der linksextremistischen Internetplattform „Switch Off“ ein Beitrag zum Vorfall. Der Text greift den Anschlag auf, ordnet ihn ideologisch ein und stellt ihn in einen größeren Zusammenhang mit Angriffen auf Energieinfrastruktur und Industrieanlagen, insbesondere in Frankreich. Die anonymen Autoren zitieren Medienberichte über die laufenden Ermittlungen und heben hervor, dass sich im betroffenen Industriegebiet unter anderem das Bosch-Halbleiterwerk befindet – ein wichtiger Standort für die Produktion von Mikrochips.
Zwischen Beobachtung und ideologischer Einordnung – was der Beitrag auf Switch Off über mögliche Motive verrät
Bei „Switch Off“ handelt it sich um eine Mitmachkampagne, unter deren Dach in verschiedenen Ländern Sabotageakte gegen Infrastruktur- und Industrieziele propagiert werden. Die Struktur wird als lose organisierte, franchiseähnliche Bewegung ohne erkennbare zentrale Führung beschrieben. Ziel sind nach dem Selbstverständnis der Akteure Unternehmen und Einrichtungen, die als Mitverursacher von Umweltzerstörung, Industrialisierung oder technologischer Entwicklung angesehen werden. In Berlin gab es etwa mehrfach Anschläge auf einen Zementhersteller.










