
Mitten im Zentrum Bozens fliegen die Fäuste und Fußtritte. Zahlreiche Passanten werden Zeugen einer brutalen Massenschlägerei auf dem Dominikanerplatz. Die Polizei nimmt einen vorbestraften 29-jährigen Tunesier fest, sieben weitere Beteiligte werden angezeigt. Und schon bald dürfte wieder zur gewohnten Tagesordnung übergegangen werden.
Doch wie lange wollen die Bozner diese Zustände noch hinnehmen? Wie lange sollen Frauen bestimmte Straßen und Plätze am Abend meiden? Wie lange müssen Eltern bangen, wenn ihre Kinder in der Stadt ausgehen? Wie lange wird der einheimischen Bevölkerung noch zugemutet, zuzusehen, wie öffentliche Plätze zunehmend von aggressiven Gruppen beherrscht werden?
Vielleicht ist es an der Zeit, eine Frage zu stellen, die bis vor wenigen Jahren noch undenkbar erschienen wäre: Brauchen auch Bozens Viertel eine Bürgerwehr?
Wie eine solche Bürgerinitiative aussehen kann, zeigt derzeit Wien. Im Stadtteil Donaustadt haben sich nach brutalen Übergriffen auf Anwohner Biker und Bewohner aus der Nachbarschaft zusammengeschlossen. Seit Anfang Juli halten sie am Cizekplatz regelmäßig Wache.
Was mit einigen Motorradfahrern begann, entwickelte sich zu einer Solidargemeinschaft aus Bikern, Familienvätern, Hausfrauen und weiteren Anwohnern. Sie treffen sich am Abend auf dem Platz, zeigen Präsenz, beobachten das Geschehen und verständigen bei Zwischenfällen die Polizei.
Auslöser waren wiederholte Übergriffe durch eine überwiegend migrantische Jugendgruppe. Zwei Männer sollen brutal zusammengeschlagen worden sein. Anwohner berichteten von Einschüchterungen, Lärm, Vandalismus und regelmäßigen Übergriffen. Erst als sich die Bürger selbst organisierten, kehrte offenbar wieder mehr Ruhe ein.
Man kann diese Initiative belächeln oder politisch verteufeln. Man kann aber auch anerkennen, was dort geschieht: Bürger lassen ihre Nachbarn nicht mehr allein.
Bei einer Bürgerwehr denken viele sofort an vermummte Männer, Schlagstöcke und Selbstjustiz. Doch darum geht es nicht.
Eine Bürgerwehr kann auch etwas völlig anderes sein: unbewaffnete Bürger, die gemeinsam durch ihr Viertel gehen, an gefährdeten Plätzen Präsenz zeigen, Frauen und ältere Menschen begleiten, verdächtige Vorgänge beobachten und unverzüglich die Polizei verständigen.
Allein die sichtbare Anwesenheit mehrerer aufmerksamer Bürger kann abschreckend wirken. Gewalttäter, Drogendealer und aggressive Gruppen suchen bevorzugt Orte, an denen niemand einschreitet, niemand hinsieht und niemand Verantwortung übernimmt.
Die Bürger von Wien-Donaustadt haben beschlossen, nicht länger wegzusehen. Warum sollte ein solches Modell nicht auch in Bozen diskutiert werden?
Die Massenschlägerei auf dem Dominikanerplatz ist nicht deshalb besonders erschreckend, weil es in einer Stadt niemals zu einer Schlägerei kommen dürfte. Erschreckend ist vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der solche Szenen mittlerweile mitten im Zentrum stattfinden.
Die Beteiligten prügeln vor zahlreichen Passanten und offenbar auch in Anwesenheit von Ordnungskräften aufeinander ein. Der öffentliche Raum wird zur Bühne ihrer Gewalt. Die Botschaft an die Bevölkerung ist verheerend: Wir schlagen uns, wo und wann wir wollen – und alle anderen sollen ausweichen.
Genau an diesem Punkt verliert eine Stadt ihren öffentlichen Raum. Nicht erst dann, wenn niemand mehr das Haus verlässt. Sondern bereits dann, wenn Frauen ihre Wege ändern, Eltern ihren Kindern aus Sorge ständig hinterhertelefonieren und ältere Menschen Plätze meiden, die sie früher selbstverständlich genutzt haben.
Bozen darf nicht den Schlägern gehören.
Eine aktive Nachbarschaft, die hinsieht und sich organisiert, schwächt den Rechtsstaat nicht. Sie kann ihn vielmehr unterstützen. Problematisch wird es erst, wenn Bürger zur Selbstjustiz greifen oder Aufgaben übernehmen, die allein der Polizei vorbehalten sind.
Zwischen tatenlosem Wegschauen und Selbstjustiz liegt ein großer Bereich legitimen bürgerschaftlichen Engagements.
Das Beispiel aus Wien zeigt, dass Bürger nicht machtlos sein müssen. Sie können sich zusammenschließen, aufeinander achten und deutlich machen, dass sie ihr Viertel nicht kampflos Gewalttätern überlassen.
Auch in Bozen könnten freiwillige, unbewaffnete Bürgerpatrouillen an bekannten Brennpunkten Präsenz zeigen – transparent organisiert, mit klaren Regeln und in Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden.
Nicht, um Menschen aufgrund ihrer Herkunft zu kontrollieren. Nicht, um jemanden zu bestrafen. Sondern um hinzusehen, Gefahren zu melden und den gesetzestreuen Bürgern das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind.
Warum sollten sich Biker, Anwohner, Eltern oder ehemalige Sicherheitskräfte nicht zusammenschließen dürfen, um gemeinsam auf ihr Viertel zu achten?
Die Massenschlägerei auf dem Dominikanerplatz muss ein Weckruf sein. Bozen braucht mehr Polizei und eine Politik, die das Sicherheitsproblem endlich ernst nimmt. Doch Bozen braucht möglicherweise auch Bürger, die bereit sind, Verantwortung für ihr unmittelbares Umfeld zu übernehmen.
Eine rechtsstaatlich organisierte Bürgerwehr wäre kein Zeichen des Versagens der Bevölkerung. Sie wäre ein Zeichen dafür, dass sich die Menschen ihre Stadt nicht widerstandslos nehmen lassen.