
Mehr als die Hälfte der Ärzte und Pflegekräfte im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands hat in den letzten 18 Monaten am Arbeitsplatz körperliche oder verbale Gewalt erlebt. Das geht aus vorläufigen Ergebnissen einer repräsentativen Studie hervor, die vom Gesundheitsministerium Nordrhein-Westfalens (NRW) in Auftrag gegeben wurde.
Die Umfrage, deren erste Ergebnisse exklusiv von der „Die Welt“ veröffentlicht wurden, zeigt, dass 57 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen in NRW angaben, Opfer solcher Vorfälle geworden zu sein.
Die meisten Fälle (59 Prozent) ereigneten sich in Krankenhäusern, wobei Notaufnahmen als besonders risikoreiche Bereiche identifiziert wurden.
Junge Mitarbeiter sind überproportional betroffen: Fast 80 Prozent der unter 30-Jährigen waren bereits mit Gewalt konfrontiert, verglichen mit 29 Prozent der über 60-Jährigen.
Jüngere Mitarbeiter waren zudem häufiger von sexualisierten Übergriffen betroffen (59 Prozent der Fälle in dieser Altersgruppe).
Norman Hecker, Leiter der Abteilung für Akut- und Notfallmedizin am Evangelischen Klinikum Gelsenkirchen (EVK) und Präventionsexperte, schilderte die Situation vor Ort. Allein in der Akut- und Notfallabteilung des Klinikums wurden im Jahr 2023 nach Angaben des Krankenhauses mehr als 300 Angriffe auf das Personal verzeichnet.
Er berichtete von jüngsten Vorfällen, darunter ein Patient, der eine Pflegekraft mit einer zerbrochenen Glasflasche bedrohte, sowie Kollegen, die bei körperlichen Auseinandersetzungen eingriffen.
„Es fühlt sich so an, als wäre die Bevölkerung insgesamt gereizter und anfälliger für Eskalationen geworden“, sagte Hecker gegenüber „Die Welt“.
Zwar seien Patienten mit psychischen Problemen, Drogenproblemen oder Demenz nach wie vor die Haupttäter, doch stellte er einen Anstieg der Gewalt durch andere Personen nach der Pandemie fest.
Die Studie hebt zudem rassistische und antisemitische Beschimpfungen hervor: Mitarbeiter mit Migrationshintergrund sehen sich Beleidigungen wie „Scheißausländer“ ausgesetzt, während deutsche Mitarbeiter manchmal als „Nazis“ oder „Ausländerhasser“ bezeichnet werden.
Die Ergebnisse aus Nordrhein-Westfalen decken sich mit einer wachsenden Zahl von Erkenntnissen aus ganz Europa.
Eine groß angelegte Umfrage der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Europa, bekannt als die „Mental Health of Nurses and Doctors“ (MeND)-Studie, die im Oktober 2025 veröffentlicht wurde, stützte sich auf mehr als 90.000 Antworten von Ärzten und Pflegekräften aus der gesamten Europäischen Union sowie aus Island und Norwegen. Sie ergab, dass jeder dritte Beschäftigte im Gesundheitswesen im vergangenen Jahr Mobbing oder gewalttätige Drohungen erlebt hatte, während 10 Prozent von körperlicher Gewalt und/oder sexueller Belästigung berichteten.
Andere deutsche Erhebungen zeichnen ein ähnliches Bild. Eine YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2025 im Auftrag von Doctolib, bei der mehr als 1.000 Ärzte, Pflegekräfte und medizinische Fachangestellte befragt wurden, ergab, dass 75 Prozent im vergangenen Jahr mit Gewalt oder schwerwiegenden Konflikten konfrontiert waren. Zwei Drittel (66 Prozent) berichteten von verbaler Aggression und Beleidigungen, 38 Prozent gaben an, bedroht worden zu sein, und jeder Vierte war körperlicher Gewalt ausgesetzt.
Krankenhausverbände berichten von steigenden Vorfällen, insbesondere in Notaufnahmen, wo lange Wartezeiten und hoher Stress oft als Auslöser genannt werden, obwohl Experten betonen, dass Personalmangel das Problem zwar verschärft, aber nicht allein verursacht.
Die Auswirkungen auf die Belegschaft sind gravierend. Viele Krankenhäuser berichten von einer durch Gewalt bedingten Personalfluktuation, wobei einige Mitarbeiter risikoreiche Bereiche wie Notaufnahmen oder psychiatrische Stationen verlassen.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat davor gewarnt, dass solche Erfahrungen die Attraktivität dieser Berufe mindern, den chronischen Personalmangel im deutschen Gesundheitswesen verschärfen und die Patientenversorgung gefährden.
Die Behörden und die Polizei in NRW ergreifen Maßnahmen, um die Datenerfassung und Prävention zu verbessern. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) hat sich dafür eingesetzt, dass Gewalt gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen bundesweit gesondert in der Kriminalstatistik erfasst wird – einen Vorschlag, den er in die Ständige Konferenz der deutschen Innenminister eingebracht hat.
Krankenhäuser setzen zunehmend auf Deeskalationstrainings, Sicherheitspersonal, Bodycams im Versuchsbetrieb, Panikknöpfe und sichere Rückzugsräume.
„Wer glaubt, dass die Menschen, die uns in Notfällen helfen, die richtigen Prügelknaben sind, hat nicht verstanden, dass dies uns alle betrifft“, sagte Reul.
Die NRW-Studie soll im Sommer 2026 vollständige Ergebnisse und Empfehlungen liefern. Ähnliche Initiativen laufen derzeit in anderen Bundesländern und auf Bundesebene.
This phenomenon is not unique to Germany. Healthcare unions and professional bodies across Europe have called for stronger legal protections, better reporting systems and cultural shifts to address the issue.