Tausend Kreuze für die Ungeborenen: Am Samstag findet in Berlin der 22. Marsch für das Leben statt

Am Samstag, dem 19. September 2026, ziehen wieder Tausende Menschen in Berlin und Köln für den Schutz menschlichen Lebens auf die Straße. Der Marsch für das Leben beginnt um 13 Uhr gleichzeitig am Washingtonplatz vor dem Berliner Hauptbahnhof und am Kölner Neumarkt; geplant ist das Ende gegen 16:30 Uhr. Motto der Veranstaltung: “Lebensrecht ist Menschenrecht. Ein Schritt für das Leben – sei dabei!”

Veranstalter ist der Bundesverband Lebensrecht e. V. (BVL), ein Dachverband christlich geprägter Lebensrechtsorganisationen. Vorsitzende ist Alexandra Maria Linder. Der Verband versteht den Marsch als überparteilich und überkonfessionell.

Die Geschichte reicht bis 2002 zurück. Damals zog der BVL unter dem Namen „1000 Kreuze für das Leben“ erstmals durch Berlin. Die weißen Kreuze sollten an die nach Angaben der Bewegung täglich rund tausend abgetriebenen Kinder erinnern. Weitere Märsche folgten 2004 und 2006. Seit 2008 findet die Demonstration jährlich statt, inzwischen am dritten September-Samstag. 2026 ist es der 22. Marsch in Berlin und der vierte in Köln. 2025 kamen nach Veranstalterangaben zusammen rund 7.000 Teilnehmer.

Schutz von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod

Die Linie des BVL ist klar: Menschliches Leben und Menschenwürde beginnen mit der Zeugung. Daraus folgt die Forderung, ungeborenes Leben rechtlich und gesellschaftlich zu schützen. Schwangerschaftsabbrüche gelten als Unrecht; die geltende Beratungsregelung nach § 218 StGB wird als Kompromiss hingenommen, eine Streichung aus dem Strafgesetzbuch oder eine weitere Liberalisierung abgelehnt.

Daneben stehen weitere bioethische Themen: der assistierte Suizid, der vorgeburtliche Bluttest NIPT, der nach Ansicht der Veranstalter zur Selektion von Kindern mit Behinderung beiträgt, und die Leihmutterschaft. Linder fordert ein vollständiges Verbot jeder Form der Leihmutterschaft. Kinder dürften nicht zu Objekten, Frauen nicht zu „Gebärmaschinen“ gemacht werden. Ergänzend verlangen die Organisatoren konkrete Hilfen für Frauen in Schwangerschaftskonflikten, eine Beratung, die auf das Leben ausgerichtet bleibt, und den Verzicht auf Werbung für Abtreibung. Der Marsch soll, so der BVL, ein Bekenntnis zur universalen Menschenwürde sein – nicht gegen Frauen, sondern für Frauen und Kinder.

Bischöfe senden lieber Grußworte – nur wenige kommen selbst

Kirchliche Unterstützung ist in diesem Jahr wieder breit. Bischof Rudolf Voderholzer aus Regensburg nimmt erneut persönlich in Berlin teil, ebenso Weihbischof Josef Graf und der emeritierte Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke. Weihbischof Dominikus Schwaderlapp hat seine Teilnahme in Köln angekündigt. Voderholzer nennt das Erscheinen eine „staatsbürgerliche Pflicht“.

Bischof Heiner Wilmer, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, schickte lediglich ein Grußwort. Der Marsch erinnere an die Aufgabe, menschliches Leben in allen Phasen zu achten, zu schützen und zu fördern. Eine Gesellschaft sei human, „wenn sie dem ungeborenen Leben Raum gibt, Lasten gemeinsam trägt und niemanden allein lässt.“ Zugleich formulierte Wilmer den Satz: Wer menschliches Leben schützen wolle, könne nicht gleichzeitig Menschen gegeneinander ausspielen, ausgrenzen oder ihre Würde relativieren. Gemeint ist damit natürlich die AfD.

Seit zehn Jahren: Beatrix von Storch ist jedes Mal dabei

Neben Geistlichen gehören seit Jahren auch Politiker zum Bild des Marsches. Aus der Union waren früher Volker Kauder, Hubert Hüppe oder Johannes Singhammer sichtbar. In diesem Jahr ist öffentliche Zusage zur Teilnahme aus Unionskreise bekannt.

Beständig präsent ist dagegen die AfD. Beatrix von Storch, stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion, nimmt seit mehr als einem Jahrzehnt regelmäßig teil. 2014 trug sie das Fronttransparent, 2015 führte sie den Zug mit an. 2016 wurde sie von einem Gegendemonstranten angespuckt. Auch 2025 dokumentierte sie ihre Teilnahme öffentlich.

Ihre Position zum Thema ist seit Jahren unverändert. „Abtreibung ist kein Menschenrecht“, sagte sie 2018. Stattdessen wünsche sie sich eine „Willkommenskultur für Kinder“. Abtreibung sei nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts rechtswidrig und nur unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Was rechtswidrig sei, dürfe nicht beworben werden. Die AfD halte am gesellschaftlichen Kompromiss des § 218 fest, lehne aber jede weitere Aufweichung ab. 2024 erklärte sie gemeinsam mit der Abgeordneten Nicole Höchst, das Grundgesetz schütze auch das ungeborene Leben; nötig seien Hilfen für Frauen in Not, keine Quasi-Aufforderung zum Abbruch. 2022 nannte sie den Marsch ein Zeichen gegen Bestrebungen, den Paragraphen 218 abzuschaffen.

Wenn Kirchen denselben Einsatz je nach Partei bewerten

Genau dieses Engagement wird von Teilen der Kirchen immer wieder öffentlich in Zweifel gezogen. Weihbischof Schwaderlapp kündigte 2026 zwar erneut seine Teilnahme an, geißelte aber „entschieden“ jedem Versuch, den Lebensschutz „für parteipolitische oder rechtspopulistische Zwecke zu instrumentalisieren“. Das Erzbistum Köln und die Deutsche Bischofskonferenz schlugen in die gleiche Kerbe, wiewohl es dieselben Kirchenvertreter in der Vergangenheit kein einziges Mal störte, daß Unionspolitiker am Marsch teilnahmen.

Die Kritik soll eine Politikerin und eine Partei treffen, die dasselbe Kernanliegen formulieren, das auch die kirchlichen Grußworte tragen: den Schutz des Lebens von Anfang an, Hilfe statt Abbruch, keine Relativierung der Würde Ungeborener. Wer von Storch und die AfD am Lebensrecht misst, findet dort keine Forderung nach einer Verschärfung des Strafrechts über den bestehenden Kompromiss hinaus, wohl aber den Widerstand gegen dessen Aushöhlung. Dass ausgerechnet Kirchenvertreter diesen Einsatz wiederholt unter Generalverdacht stellen, während sie denselben Marsch begrüßen, entwertet das eigene Zeugnis. Lebensrecht ist entweder ein Menschenrecht – oder es gilt nur, solange die falsche Partei es nicht mitträgt. Der Marsch selbst bleibt davon unberührt: Er versammelt am 19. September erneut jene, die ungeborenes Leben nicht für verhandelbar halten.

FREIE WELT

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