Bitte beziehen Sie die ersten beiden Worte vor dem Doppelpunkt auf die beiden Worte unmittelbar nach dem Doppelpunkt. Auf die letzten beiden Worte in der Überschrift muß man inzwischen wohl die Negativbedeutung von „polnische Wirtschaft“ beziehen, die auf das 18. Jahrhundert zurückgeht und die dazu diente, die Teilung Polens und die Okkupation eines Teile durch Preußen zu rechtfertigen. Am 15. September 2026 gab es im schönen Studio 14 des rbb eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema mit dieser Überschrift und selbstverständlich wurde die Konnotation „polnische Wirtschaft“ auch korrekt eingeordnet. Voraussichtlich wird die Podiumsdiskussion am 27. September vom rbb gesendet werden.
Die Wahrnehmung Polens in Deutschland hängt vielleicht davon ab, in welcher Entfernung zur Polnischen Grenze man lebt. Der Brandenburgische Minister René Wilke hat auch darauf hingewiesen. Mit 50 Kilometern oder weniger lohnt es sich, nach Polen zum Tanken zu fahren, auch noch, wo jetzt einige Restriktionen zu Reduzierung des Spritpreises in Polen ausgelaufen sind. Und selbst von Berlin ist eine Fahrt über die Grenze finanziell attraktiv, wenn man dann auch in Polen einkauft, zum Friseur geht oder ins Restaurant.
Man sieht gleich hinter der Grenze die kleinen, schönen, sauberen Städtchen, wenn man nicht nur zu den „Polenmärkten“ fährt: Słubice, Kostrzyn, Szczecin, Świnoujście, Gubin, Łęknica, Szgorzelec, auch grenznahe Dörfer wie Osynów Dolny, Krajnik Dolny, Gryfino. Und wer ins Land reist, zu den prächtigen polnischen Ostseebädern, in die berühmten großen Städte, nach Schlesien, in die Masuren, sieht man auf dem Weg überall große Gewerbegebiete und natürlich die liebevoll restaurierten historischen Innenstädte, saubere und sichere Straßen, gepflegte Parks. Übrigens: Man kann in Polen auch sehr gut mit der Bahn fahren: Die Züge sind pünktlich, sauber und von Messerangriffen in Zügen ist auch nichts zu hören.
Könnte es ein, daß man weiter westlich in Deutschland immer noch das Vorurteil von Polnischen Autodieben hat? Unternehmer, die Polnische Arbeitskräfte beschäftigen, eher nicht, denn sie sind fleißig und zuverlässig. Auch wer privat mal Polnische Handwerker hat, baut sehr schnell Vorurteile ab. Aber werden nicht Vorurteile weiter gehätschelt, wenn „Qualitätsmedien“ überwiegend zu Polen berichten, wenn der Deutschen Politik an der Polnischen was nicht gefällt?
Wo ist ausführlich über die Wirtschaftsreformen informiert worden, die die Grundlage des Polnischen Wirtschaftwunders gelegt haben und die von allen Polnischen Regierungen – mal mehr, mal weniger, auch mal mit Rückschlägen – ab 1989 umgesetzt worden sind? Keines der Bücher des Polnischen Ludwig Erhard ist ins Deutsche übersetzt, nur verstreut einige Texte in Sammelbänden. Am 7. September 2026 hat Prof. Leszek Balcerowicz bei der Friedrich-Naumann-Stiftung vortragen: „Das polnische Wirtschaftswunder als Beispiel für Deutschland“. Prof. Balcerowicz hat allerdings nicht der deutschen Politik Empfehlungen gegeben, was sie tun soll, auch der Polnische Geschäftsträger a.i., Jan Tombiński, in seinem einleitenden Grußwort nicht. Das macht man ja auch nicht, wenn man als Ausländer wo zu Gast ist. Wohl nur deutschen Politikern fällt es gelegentlich ein, im Gastland die dortige Politik belehren zu wollen. Eigentlich weiß man, seit Ludwig Erhard das deutsche Wirtschaftswunder ausgelöst hat, was zu tun ist: Der Privatwirtschaft Freiraum und jedem die Chance geben, sein Glück zu machen. Bürokratie und staatliche Bevormundung abbauen. Das ist die Botschaft, die auch Prof. Balcerowicz am 7. September vorgetragen hat. In Polen, wo es ja auch im „realen Sozialismus“ immer ein gerüttelt und geklopft Maß Privatwirtschaft gab – Polen als „lustigste Baracke im sozialistischen Lager“, wurde mit den Reformen bereits 1987 begannen. Eine sogenannte Phase II der Wirtschaftsreformen, nachdem die später so genannte Phase I ab 1981 gescheitert war, wurde eingeleitet und das Wilczek-Gesetz (Ustawa Wilczka) etablierte 1988 für Polen das fortan wirksame liberale Grundprinzip: „Unternehmen dürfen im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit alles tun, was nicht durch Gesetz verboten ist.“ (Artikel 4. Diese Bestimmung steht jetzt als Satz 1 im Artikel 8 des geltenden Unternemensgesetzes.). Es trat am 1. Januar 1989 in Kraft und setzte enorme Schöpferkraft frei. Im Oktober 1989 wurde der Balcerowicz-Plan vorgestellt und nur zwei Monate später wurden 10 Gesetze zur Umgestaltung der Wirtschaft beschlossen. Der Übergang war schwierig, interessant aber ist, daß es dagegen – anders als noch bis 1988 – keine Streiks gab. Der Vertreter von VERDI auf dem rbb-Podium hätte da wohl Anlaß, das zu bedauern, aber die Polen wissen besser, was für ihr Land gut ist als ideologiegeleitete deutsche Gewerkschaftsfunktionäre. 1991, mitten in der schwierigen Reformkrise, gab es Wahlen in Polen und Leszek Balcerowicz verlor schließlich sein Amt als stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister. Aber die Reformen wirkten und ab 1992 gibt es jedes Jahr ein Wirtschaftswachstum, nur unterbrochen mit einem krassen Einbruch infolge der Coronakrise 2020. Von 1997 bis 2000 konnte er seine Reformarbeit als stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister fortsetzen, von 2001 bis 2007 als Präsident der Polnischen Nationalbank. Die Reformen waren erfolgreich, wenngleich sie nicht konsequent genug waren und Fehler gemacht wurden. Balcerowicz schrieb dazu: „Alle großen Fehler waren Unterlassungsfehler. Das Wirtschaftsteam, das Finanzministerium eingeschlossen, akzeptierte schlechte Vorschläge einiger anderer Ministerien, insbesondere des für die Sozialpolitik zuständigen Arbeitsministeriums.“ (Zit. nach Rainer Zitelmann: Der Aufstieg des Drachen und das Weissen Adlers. München 2023, S. 67). Aber man sieht zunehmend den Erfolg der Reformen.
Es kommt dann ja gewöhnlich der Einwand, ohne die EU-Gelder aus Brüssel hätten die Polen den Aufschwung nie geschafft. Ist dem wirklich so? Wirkt da nicht vielleicht Anderes? Rainer Zitelmann hat durch ein Britisches Meinungsforschungsinstitut in 33 Ländern eine Umfrage zum Image von Marktwirtschaft und Kapitalismus durchführen lassen. In der Zustimmung zur wirtschaftlichen Freiheit steht Polen weit an der Spitze, wirtschaftlicher Erfolg wird grundsätzlich positiv beurteilt und die Sozialneidquote ist sehr gering, im Gesamtergebnis ähnlich nur Vietnam (Die Umfrageergebnisse zu Polen bei Zitelmann Seite 80 bis 91.).
Daß die Polnische Politik ein Vorbild für die Deutsche geworden ist, scheint sich so langsam auch bis zu unseren regierenden Politikern rumgesprochen haben. Der Berliner Bürgermeister Kai Wegner war mit einer Delegation in Polen, um etwas für seine Politik zu lernen. Interessant ist eine Anekdote – man weiß nicht wirklich genau, wie es war: Der Berliner Regierende habe seinen Gesprächspartner in Warschau gefragt, wie sie das machen, daß überall gebaut wird und die Arbeiten schnell vorangehen. Die Antwort sei gewesen: Machen, machen, machen! Darauf nahmen fast alle Teilnehmer des rrb-Podiums Bezug. Man hat in Polen Respekt vor der deutschen Ingenieurskunst, Deutsche sind gründlicher vorbereitet, aber die Polen gleichen mit Initiative und Schöpfertum aus. In Deutschland macht man einen Generalplan, dann Detailpläne, regionale und örtliche – und dann wird vielleicht mit der Ausrede „Datenschutz“ ausgebremst, weil man sich vor Entscheidungen und dem Risiko drücken will. In Polen nimmt man eher Risiken in Kauf und die Verwaltung ist grundsätzlich wohlwollend gegenüber den Anliegen der Wirtschaft und der Bürger. Mit dieser Bewertung waren sich wohl alle Teilnehmer auf dem rbb-Podium einig. Und als Resultat haben wir, daß die deutsche Wirtschaft seit nunmehr fast sieben Jahren stagniert, während das durchschnittliche Wirtschaftswachstum im selben Zeitraum in Polen jährlich rund 3,5 % beträgt.
Prof. Marcin Piątkowski (Akademia Leona Koźmińskiego Warschau) prognostizierte, Polen könnte Deutschland beim Wohlstand bis etwa 2040 einholen. „Nach 1989 konnte praktisch jeder Erfolg haben“, sagte Piątkowski in einem Interview. Viele der reichsten Polen hätten ohne großes Startkapital und ohne geerbtes Vermögen begonnen. Darauf wurde auch auf dem rbb-Podium hingewiesen.
Das Datum 2040 ist interessant: Wenn die Analyse von Peter Ruben richtig ist, daß der Zusammenbruch des realen Sozialismus 1989/90 das Ende eines langen Konjunkturzyklus markiert[*], ist um 2045 – eine lange Welle der Konjunktur beträgt etwa 55 Jahre, das sind zwei Generationsabstände – der nächste Tiefpunkt zu erwarten, wo Altes endgültig zusammenbricht und Neues sich als erfolgreich etabliert erweist.
[*] Peter Ruben: Über den Platz der DDR in der deutschen Geschichte und Vom Kondratieff-Zyklus und seinem Erklärungspotential. Wiederabdruck beider Aufsätze in Peter Ruben: Gesammelte philosophische Schriften. Bd. 2 Berlin 2023 S. 426-516 und 634-655.
