
Friedrich Merz gerät in der eigenen Partei zunehmend unter Druck. Während sich der Widerstand gegen die Brandmauer-Politik verstärkt, soll der CDU-Vorsitzende nun ausgerechnet Angela Merkel als Argument gegen eine Annäherung an die AfD ins Feld führen.
Die Altkanzlerin könnte nach seinen Schilderungen die CDU verlassen, sollte es zu einer offiziellen Zusammenarbeit mit der AfD kommen. Ein bemerkenswertes Druckmittel – und ein Zeichen dafür, wie nervös die Parteiführung inzwischen reagiert.
Merkel als letzte Verteidigungslinie gegen die AfD?
In vertraulichen Gesprächen mit Parteifreunden soll Merz wiederholt auf Angela Merkel verwiesen haben. Demnach habe die ehemalige Kanzlerin ihm zu verstehen gegeben, dass sie im Falle einer offiziellen Kooperation zwischen Union und AfD aus der CDU austreten werde.
Auch im Umfeld Merkels ist die Ablehnung einer solchen Zusammenarbeit offenbar unmissverständlich. Dort wird nicht nur mit einem Austritt der Altkanzlerin gerechnet. Vielmehr wird die Vorstellung verbreitet, eine Annäherung an die AfD könne die gesamte Union auseinanderreißen. Zahlreiche Mitglieder hätten für diesen Fall bereits ihre Austrittserklärungen vorbereitet.
Ob Merkel tatsächlich persönlich mit ihrem Parteiaustritt gedroht hat, wird allerdings auch von langjährigen Weggefährten bezweifelt. Eine solche direkte Drohung entspreche nicht ihrem üblichen Vorgehen. An ihrer politischen Haltung gegenüber einer Zusammenarbeit mit der AfD besteht dagegen kaum Zweifel.
Grün und grüner: Merkel hat den Kurs der Union längst öffentlich festgeschrieben
Wie weit die ehemalige Kanzlerin bereit ist, sich in die aktuelle Parteipolitik einzumischen, zeigte sich bereits im Januar 2025. Damals kritisierte sie öffentlich, dass die Unionsfraktion bei einer Abstimmung im Bundestag eine Mehrheit unter Einschluss der AfD ermöglicht hatte.
Merkel warf Merz vor, sich nicht mehr an seine vorherige Festlegung gebunden zu fühlen. Zuvor hatte der CDU-Vorsitzende sogenannte Zufallsmehrheiten mit der AfD ausdrücklich ausgeschlossen. Die gemeinsame Abstimmung zur Begrenzung der illegalen Migration wurde damit zum politischen Konflikt, der das Verhältnis zwischen Merkel und Merz erneut belastete.
Dass Merz heute ausgerechnet auf seine langjährige innerparteiliche Gegenspielerin verweist, um den Widerstand gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD zu begründen, ist bemerkenswert. Offenbar soll die Autorität der ehemaligen Kanzlerin helfen, eine politische Strategie zu verteidigen, die innerhalb der Union immer stärker infrage gestellt wird.
Die Brandmauer stürzt über der CDU zusammen
In Teilen der Partei wird Merkels mögliche Austrittsdrohung deshalb nicht als überzeugendes politisches Argument, sondern als letzter Versuch verstanden, die Brandmauer aufrechtzuerhalten. Denn die Unzufriedenheit mit dem bisherigen Kurs wächst. Gerade nach den Wahlergebnissen im Osten wird die Frage immer dringlicher, welchen politischen Preis die CDU für ihre kategorische Abgrenzung zur AfD zahlen muss.
Die Kritik aus den eigenen Reihen ist deutlich: In Mecklenburg-Vorpommern hat die CDU den Einzug in den Landtag verloren, in Sachsen-Anhalt ist sie politisch erheblich geschwächt. Auch die Entwicklung in anderen Landesverbänden gibt der Parteiführung wenig Anlass zur Zuversicht. Innerhalb der Union wächst deshalb der Zweifel, ob die Brandmauer tatsächlich noch eine erfolgversprechende Strategie darstellt oder inzwischen zum Hindernis für die eigene politische Zukunft geworden ist.
Merz bekommt Gegenwind ausgerechnet von seinen früheren Unterstützern
Besonders brisant ist die bevorstehende Auseinandersetzung mit den CDU-Kreisvorsitzenden aus Sachsen. Sie hatten sich mit einem deutlichen Schreiben an die Parteispitze gewandt und ein Ende der Brandmauer-Politik gefordert. Zugleich machen sie Merz für die jüngsten politischen Rückschläge der Union verantwortlich.
Das Treffen mit dem Kanzler und CDU-Vorsitzenden hat eine besondere politische Dimension: Ausgerechnet jene Funktionäre, die Merz einst gegen den Widerstand des damaligen Parteiestablishments an die Spitze der CDU gebracht hatten, stellen sich nun gegen seinen Kurs.
Damals hatten sie eine Mitgliederbefragung durchgesetzt und damit entscheidend zu seiner Wahl beigetragen. Heute sind viele von ihnen enttäuscht. Sie erwarten offenbar eine politische Neuausrichtung und wollen nicht länger hinnehmen, dass die CDU ihre Handlungsmöglichkeiten durch die Brandmauer selbst beschränkt.
Die Stimmung innerhalb der Partei ist entsprechend hochangespannt. Merz muss sich nicht nur gegen den wachsenden Unmut an der Basis behaupten, sondern auch gegen jene Kräfte, die ihn einst ins Amt gebracht haben.
Wenn Merkel mit Austritt droht, ist das noch lange keine politische Strategie
Die Berufung auf Angela Merkel dürfte den Konflikt innerhalb der CDU kaum lösen. Im Gegenteil: Wenn der Parteivorsitzende seine eigene politische Linie vor allem mit der möglichen Reaktion einer ehemaligen Kanzlerin verteidigen muss, wirft das Fragen nach seiner eigenen Durchsetzungsfähigkeit auf.
Eine Partei, die sich vor dem Austritt einzelner prominenter Mitglieder fürchtet, statt offen über ihre politischen Mehrheiten und strategischen Ziele zu diskutieren, hat ein grundlegendes Führungsproblem. Die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr nur, ob Angela Merkel die CDU verlassen könnte. Es geht darum, ob Friedrich Merz noch in der Lage ist, seine Partei hinter einem Kurs zu versammeln, die ihrem Vorsitzenden in großen Teilen innerlich schon längst gekündigt hat.