
Als sich im Januar 2024 das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) gründete, stand die Linkspartei in den Umfragen bei drei bis fünf Prozent. Viele Beobachter haben dabei die Grabreden auf die Partei bereits geschrieben, während man Wagenknechts Projekt als eine strategisch und ideenpolitisch interessante Symbiose aus kulturellem Konservatismus und gleichzeitiger Rückbindung an die linke ökonomische Klassenidee betrachtete. Im zweidimensionalen Politikraum verortete man das BSW im repräsentativ verwaisten Quadranten „soziokulturell konservativ“ und „ökonomisch links“. Die Linkspartei war derweil abgekämpft und ermüdet von ihren internen Abrechnungen sowie Strategie- und Grundsatzdiskursen, die vor allem durch Sahra Wagenknecht in die Partei hineingetragen wurden.
Neuer Kurs der Linkspartei
In ihrem letzten Buch (Die Selbstgerechten) vor der BSW-Parteigründung rechnet sie mit der Mentalität der sogenannten Lifestyle-Linken ab. Die politische Linke habe laut Wagenknecht jegliche kulturelle Sensorik für die Bedürfnisse und Präferenzen der großen Normalbevölkerung verloren. Sie ist immer stärker mit identitätspolitischen Fragen rund um Diskriminierung, Intersektionalität, Feminismus und Critical Whiteness beschäftigt und konkurriert dabei in einem Mobilisierungsraum mit den Grünen, bei dem sie laut Wagenknecht strukturell das Nachsehen hat. Indem die Partei abstrakte moralische Diskurse über die konkreten materiellen Alltagssorgen stellte, transformierte sie ihr Elektorat von einer breiten Protestgemeinschaft zu einer links-libertären, akademischen Nischenklientel. Aus dieser von Wagenknecht beschriebenen Not heraus hat die Linke spätestens nach der BSW-Abspaltung eine Tugend gemacht und ist noch intensiver in den Mobilisierungswettlauf mit den Grünen und der SPD gegangen, um die Platzhirschstellung des linken Parteienspektrums für sich zu reklamieren.
Bei der Europawahl 2024 nominierte die Linke bewusst die polarisierende NGO-Aktivistin Carola Rackete, mit Heidi Reichinnek als feministisches Symbolbild, Ferat Koçak als migrationsoffenes Aushängeschild oder einem Jan van Aken als antifaschistischem Pöbler. Eine Ines Schwerdtner als Parteivorsitzende in der Amtsperiode mit Jan van Aken mag dabei doch schon eher eine strategische Ausnahmeerscheinung sein und enger mit dem konventionellen, klassenpolitischen Ansatz verbunden sein; aber auch sie hat das stärker bewegungsorientierte, kosmopolitische, progressive und urbane Profil mitgetragen.
2024 schien diese Strategie zunächst kaum erfolgversprechend. Eine Auswertung auf Basis der GLES-Daten zeigte, dass die Partei gerade unter Dienstleistungsarbeitern und unteren Dienstklassen erhebliche Verluste erlitten hatte. Seit 2017 wurde sie in Arbeiterklassenlagen nicht mehr überdurchschnittlich gewählt, während ihr verbliebenes Elektorat dagegen zunehmend akademisch geprägt war. 2024 bezeichneten nur noch sechs Prozent aller Wähler Die Linke als kompetenteste Partei für soziale Gerechtigkeit. 2019 waren es noch 15 Prozent gewesen. Gleichzeitig hatten sich insbesondere migrationspolitisch konservativere frühere Linke-Wähler in Richtung BSW oder auch AfD abgewandt.
Nur wenige Monate vor der Bundestagswahl 2025 war die Linkspartei bereits abgeschrieben. Ihre Kampagne war schon damals auf einen Notfallmechanismus der Grundmandatsklausel ausgerichtet. Diese Sonderregelung ermöglicht es Parteien, die unter der Fünf-Prozent-Hürde bleiben, dennoch in den Deutschen Bundestag einzuziehen, sofern sie über das Erststimmenergebnis mindestens drei Direktmandate gewinnen. Am Ende zog die Linke mit 8,8 Prozent wieder in den Bundestag ein und war gar nicht auf die Grundmandatsklausel angewiesen. Der politische Journalismus sah vor allem in der Fraktionschefin Heidi Reichinnek das entscheidende Erfolgsphänomen. Ihre vielfach in den Sozialen Medien geklickte Intervention zu einem Entschließungsantrag der Unionsfraktion, der nur mit den Stimmen der AfD-Bundestagsfraktion eine Mehrheit gewann, wurde zum Symbolbild des parlamentarisch-antifaschistischen Widerstands innerhalb der Linken.
Mehr als Reichinnek
Doch diese Ereignisfixierung und das Schlussfolgern von Kausalitäten aufgrund von Social-Media-Hypes ist ein recht eigenartiges Phänomen des politischen Beobachtermarktes. Der linke Wahlerfolg und auch die nachträgliche demoskopische Stabilisierung im zweistelligen Bereich zwischen zehn und zwölf Prozent folgen einem soziostrukturellen Veränderungsmuster ihrer Wählerschaft, welches die linksprogressive Milieuverankerung noch stärker akzentuiert. Diese Neuausrichtung wird zwar – wie von Wagenknecht in ihren früheren Mahnungen erhofft – kaum einen AfD-Wähler zur Linkspartei treiben, aber dafür Grüne und SPD weiter kannibalisieren. Allein bei den Wählerwanderungen zur letzten Bundestagswahl wird dieser Befund sehr deutlich. Am stärksten gewann die Linke von den Grünen hinzu (+700.000 Wählersaldo) und am zweitstärksten direkt von der SPD (+500.000 Wähler).
Bei der Bundestagswahl 2021 konkurrierten vor allem Grüne und FDP am stärksten um das Jungwählerspektrum zwischen 18 und 30 Jahren. Schon in dieser parteipolitischen Gegenüberstellung war eine gewisse ideologische Spaltungslinie unter jungen Wählern vorweggenommen, die sich mit der Bundestagswahl 2025 noch weiter verschärfte, wo nun vor allem die Linke und die AfD um die Gunst der Jungwähler buhlen. Bei den 18- bis 24-Jährigen erreichte die Linkspartei nach repräsentativer Wahlstatistik 27,3 Prozent. Unter den 18- bis 34-jährigen Frauen waren es sogar 37,1 Prozent, gegenüber nur 17,6 Prozent bei den Männern derselben Altersgruppe. Bei den 25- bis 34-Jährigen lag sie ebenfalls weit über ihrem Bundesergebnis. Insgesamt wählten elf Prozent der Frauen (+6 im Vergleich zur letzten Wahl), aber nur sieben Prozent der Männer (+2) die Partei.
Insgesamt konnte die Linke in der Altersgruppe 18–34 ihre Ergebnisse um durchschnittlich 13 Prozent steigern. Parallel dazu verloren die SPD moderat (-4 %) (dort war sie ohnehin nie sonderlich stark) und die Grünen massiv (durchschnittlich -10%) bei den Jungwählern. Nicht unerwähnt darf dabei jedoch bleiben, dass den größten prozentualen Stimmenzuwachs bei allen weiblichen Wählern die AfD gegenüber den anderen Parteien verzeichnete.
Fast noch deutlicher zeigt sich die Transformation in der Mitgliedschaft. Ende 2023 hatte die Partei rund 50.000 Mitglieder, 2025 bereits mehr als 120.000. Das Durchschnittsalter sank von 52,4 auf 38,7 Jahre, der Frauenanteil stieg auf 44,5 Prozent. Mehr als die Hälfte der Mitglieder lebt in Großstädten mit über 100.000 Einwohnern. Beschäftigte aus Handel, Handwerk und Industrie sind laut eigener interner Studien dabei stets unterrepräsentiert.
Das neue Milieu
Allein schon anhand der objektiven Wählerwanderungen und der soziodemografischen Merkmale im Bereich Alter und Geschlecht lässt sich recht klar ein Transfer von grün zu links feststellen. Schaut man noch etwas tiefer in die Mentalitäten und Milieustrukturen, so wird auch bei der Untersuchung der sogenannten Sinus-Milieus ein klarer Schwerpunkt bei den vormals grünen Milieus deutlich. So verzeichnete die Linkspartei sowohl beim „postmateriellen Milieu“ als auch den „neo-ökologischen“ Realisten die größten Anteile und auch Zugewinne. Das betrifft insbesondere jene Milieus, die innerhalb der Kategorisierungen des Sinus-Instituts als „engagiert-souveränes Bildungsbürgertum“, „Befürworter gesellschaftlicher Transformationen“ und „progressive Realisten“ beschrieben werden. All diese Milieus eint das Bedürfnis nach maximaler individueller Selbstentfaltung und kreativer Freiheit, wo stets ein egalitärer und progressiver Wertekompass im Vordergrund steht.
Auch die Bildungsachse ist eindeutig. Unter Wählern mit hoher formaler Bildung kam die Linke 2025 auf elf Prozent, bei niedriger Bildung nur auf fünf Prozent. Unter Arbeitern erzielte sie dagegen acht Prozent und lag damit leicht unter ihrem Gesamtergebnis. Vom früheren Anspruch einer klassenbewussten Arbeiterpartei ist faktisch nichts mehr übrig geblieben. Man hat keine industriepolitische Idee mehr. Von den klassischen Facharbeitern hat man sich ähnlich wie die SPD auch habituell längst entfernt. Über die Gewerkschaften mag man sicher noch einige zivilgesellschaftliche Kanäle offenhalten – aber auch dort geht der Trend in Richtung Erosion und Fragmentierung. Die Linke ist nun weniger die ostdeutsche Protest- und soziale Interessenpartei früherer Jahre und stärker eine urbane Partei der jungen postindustriellen Linken geworden.
Ein weiterer Verdichtungstrend zum progressiven, urbanen, akademisch-bildungsbügerlichen und postmateriellen Wählermilieu lässt sich in der Geografie ablesen. Die Linke war schon unter ihrer politischen Vorgängerstruktur (PDS) eine traditionelle Ostpartei. Das ist auch nach wie vor so. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte Die Linke in Ostdeutschland weiterhin 12,8 Prozent gegenüber 7,9 Prozent in den alten Bundesländern. Aufgrund der unterschiedlichen Bevölkerungsgrößen stammen jedoch auch mittlerweile rund drei Viertel ihrer Wähler aus Westdeutschland. Zugleich übersprang die Partei 2025 erstmals wieder in sämtlichen westdeutschen Ländern die Fünfprozentmarke bei der Bundestagswahl.
Die urbanen Hochburgen
Über die alte Ost-West-Spaltung legt sich damit zunehmend eine zweite, womöglich langfristig bedeutsamere Konfliktlinie zwischen Stadt und Land. Nach dem parteiinternen Wahlnachtbericht erzielte Die Linke 2025 in nahezu allen deutschen Großstädten zweistellige Ergebnisse und kam dort im Durchschnitt auf 14,8 Prozent. In den Metropolregionen Hamburg, Rhein-Main und entlang der Rheinschiene lagen die Ergebnisse ebenfalls um die elf Prozent. Die bundesweit stärksten Räume sind inzwischen auffällig häufig Groß- und Universitätsstädte. In Berlin erreichte die Partei 19,9 Prozent der Zweitstimmen, in Bremen 14,8 und in Hamburg 14,5 Prozent. Im Osten wird das Muster noch plastischer: In Jena kam sie auf 24,9 Prozent, Weimar auf 23,2 und Erfurt auf 22,1 Prozent und in Leipzig wurde Die Linke mit 22,5 Prozent sogar stärkste Kraft. Entsprechend gewann sie sämtliche sechs Direktmandate in urbanen Wahlkreisen – vier in Berlin sowie je eines in Leipzig und Erfurt. Auf den Wahlkarten wird dieses Muster nochmals visuell stark unterstrichen, wenn deutlich wird, dass die entscheidenden Zuwächse ausschließlich aus urbanen Regionen stammen. Somit entsteht ein neues räumliches Muster, in dem urbane Zentren (in Ost wie West) zu den eigentlichen Hochburgen werden, während ländliche Räume deutlich schwächer mobilisiert werden. Die Linke wandelt sich damit von einer ostdeutschen Regionalpartei zunehmend zu einer bundesweiten urbanen Milieupartei. Für die Linke ist dieser Trend aber keineswegs problematisch. Über Themen wie Mietenpolitik und städtische Lebenshaltungskosten versucht man, sich zumindest inhaltlich klassenpolitische Nostalgie zu bewahren.
Erfolg bei Migranten
Zu dieser sozialstrukturellen Neuformierung kommt noch eine weitere Dimension, die bei der Bundestagswahl 2025 bemerkenswert sichtbar wurde: Die Linkspartei konnte in bestimmten migrantischen Milieus weit überdurchschnittlich mobilisieren. Damit erweitert sich das Bild ihrer neuen Wählerkoalition. Sie ist nicht nur jünger, urbaner und akademischer geworden, sondern erreicht zugleich Teile einer jüngeren postmigrantischen Großstadtgesellschaft, die sich von den klassischen Parteien immer weniger selbstverständlich vertreten fühlt.
Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung zur Bundestagswahl 2025 macht diese Entwicklung sichtbar. Menschen mit familiären Bezügen zur MENA-Region oder zur Türkei wählten überdurchschnittlich häufig SPD, BSW und Die Linke. Werden Alter, Bildung und Geschlecht statistisch kontrolliert, lag die Wahrscheinlichkeit einer Linke-Wahl in dieser Gruppe um 7,6 Prozent höher als bei Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund. Unter Menschen mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion war sie dagegen um 6,2 Prozent niedriger. Noch deutlicher wird dieser Mobilisierungserfolg bei der Religionszugehörigkeit. In einer Wahltagsbefragung der Forschungsgruppe Wahlen gaben 29 Prozent der muslimischen Befragten an, Die Linke gewählt zu haben. Damit lag sie knapp vor der SPD mit 28 Prozent und deutlich vor BSW, Union, AfD und Grünen.
Die Grünen mögen gesellschaftspolitisch zwar ähnlich liberal auftreten, doch Die Linke kann diese pro-migrantische Positionierung mit einer wesentlich radikaleren sozialen Agenda verbinden. Gerade in großstädtischen Migrantenmilieus, in denen Wohnkosten, prekäre Beschäftigung und sozialer Verfall nicht nur abstrakt sind und man den Migranten stets das passgenaue politische Opfernarrativ anbietet. Aus der alten Verbindung aus der ostdeutschen Protestpartei baut die Linke sich nun eine neue Großstadtkoalition aus jungen Wählern, Mietern, progressiven Akademikern, migrantischen Communities und Beschäftigten der postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft.
Für die AfD dürfte diese elektoral und politisch neu sortierte Linkspartei nur eine geringe Gefahr für ihre eigene Wählerschaft sein. Allerdings verfestigt die politische Linke damit weiterhin ihre entscheidenden Bastionen der kulturellen Hegemonie. Insbesondere die Verbindung von elektoralen und zivilgesellschaftlichen Koalitionen im urbanen Raum, verschaffen der Linkspartei und ihrer erweiterten linken Parteienfamilie aus Grünen und SPD einen strukturellen Vorteil.
Die Städte waren schon immer wirtschaftliche und kulturelle Gravitationszentren. Der ökonomische und soziokulturelle Lebensimpuls einer Großstadt entsteht laut dem Volkswirt Lukas Haffert insbesondere durch das Dreieck von gut ausgebildeten Arbeitsfachkräften, innovativen und produktiven Firmen sowie leistungsstarken Universitäten. Dies sind Faktoren, die sich schließlich auch auf das kulturelle und intellektuelle Umfeld der Städte auswirken und sogenannte Agglomerationseffekte auslösen und weitere ähnliche Milieus anziehen, die in das städtische Leben spezifische Selbstverwirklichungsoptionen hineinprojizieren.
Progressiv-urbane Lebensmilieus und Kreativklassen in höheren Einkommensbranchen bereiten letztendlich den Boden für ein erweitertes kulturelles Angebot aus Museen, Buchhandlungen, Theatern, Cafés und Bars, in dem sich heute auch konkrete linksideologische Koordinaten widerspiegeln. Aus diesen Gründen sollte sich auch das patriotische Lager nicht scheuen, urbane Lebensräume und kulturelle Angebote in Milieus zu schaffen, die noch nicht bei ihnen stehen.