Tommy Robinson, Sohn seiner Klasse: Von Cool Britannia zu Free Palestine

Auf der „Unite the Kingdom“-Rally und der Gegendemo standen sich auch die Erben zweier Lager gegenüber. Auf der einen Seite diejenigen, die in den 90ern abgehängt und dem Multikulturalismus zum Fraß vorgeworfen wurden. Auf der anderen Seite jene, die genau diesen Prozess politisch und ideologisch vorangetrieben, mitgetragen und von ihm profitiert haben. Wenn heute alle möglichen Celebrities als Reaktion auf die UTK-Rally mit allerlei Antisemiten ein breites Bündnis gegen die „Far Right“ namens „Together Alliance“ gründen, das sich mit den „Unteilbar“- oder „Wir sind Mehr“-Bündnissen in Deutschlands vergleichen lässt, ist das die neueste Episode einer Aufführung, die man auch einen Klassenverrat nennen könnte, der mit New Labours„drittem Weg“ (Anthony Giddens)seinen Anfang nahm. Mit dem Label „Cool Britannia“ (in Anspielung auf „Rule Britannia“) verpasste Blair der Fortführung der Thatcherschen Deindustrialisierungspolitik ein hippes Label, womit er endgültig das Schicksal der Arbeiter Nordenglands besiegelte. Ab sofort passten die Sorgen und Nöte abgehängter Nordengländer beim wirtschaftlichen Umschwenken auf den Dienstleistungs- und Finanzsektor nicht mehr ins Programm: Sie waren un-cool geworden.

In der Kulturindustrie wurde diese Ära von Bands wie Oasis oder Blur repräsentiert, die mit dem Simulieren eines Working Class Image reüssierten und dabei „Klassenmerkmale ihrer Bedeutung“ beraubten „und sich für die Übernahme als abnehmbares, oft ironisches Kostüm oder als Performance anboten – eine Art Klassen-Drag“. Einher ging diese Simulation „mit dem Rückzug und der Vereinnahmung subversiver oder oppositioneller Subkulturen, die die 1970er und 1980er Jahre überstanden hatten.“ (28) Für diese Vermählung von sich rebellisch gebender Popmusik mit der aufsteigenden politischen Macht steht exemplarisch die Dankesrede des Oasis-Sängers Noel Gallagher bei der Verleihung der Brit-Awards 1996. Eigenen Berichten zufolge (und auch so deutlich erkennbar) tat er völlig zugedröhnt seine Unterstützung für Tony Blair kund: „Heute Abend sind sieben Leute in diesem Raum, die den jungen Menschen im Land ein bisschen Hoffnung geben: Bonehead, Alan White, Guigsy, Alan McGee, ich und Tony Blair! Und wenn ihr etwas auf die Reihe kriegt, geht rüber und gebt Tony Blair die Hand. Alle Macht dem Volk!“ (29)

​​Der Britpop spiegelte bei dieser Pseudorebellion „eine breitere kulturelle Wende hin zu politischer Selbstgefälligkeit wider und verstärkte diese; gleichzeitig lehnte er die als ‚politisch korrekt‘ empfundene Haltung und die liberalistische linke Politik der 1970er und 1980er Jahre zugunsten eines ‚ironischen‘ Chauvinismus und Sexismus ab. Der rückschrittliche kulturelle Diskurs der späten 1990er Jahre wurde durch das Phänomen des ‚New Laddism‘ veranschaulicht – eine kulturelle Identität, für die sich eine neue Generation von Männermagazinen wie Loaded einsetzte und die auf der Ausbeutung einer karikierten weißen Arbeiterklasse-Männlichkeit durch eine überwiegend bürgerliche Kulturindustrie beruhte.“ (30)

Das einst positive Klassenbild vom nordenglischen Arbeiter wurde über die Jahre dreifach zerstört: Erst wurden seine „Codes“ von Oasis und Co. kulturell angeeignet, dann wurde das Cliché vom weißen rassistischen, sexistischen usw. Arbeiter spätestens mit Black Lives Matter endgültig zum gesellschaftsfähigen pauschalen Feindbild der „Neuen Klasse“. Währenddessen entzog die Politik dem real existierenden Arbeiter die Lebensgrundlage und lieferte ihn in den maroden ehemaligen Industriegebieten der Herrschaft islamischer „Community Leader“ samt ihres gruppenvergewaltigenden und hasspredigenden Anhangs aus.

Die „Together Alliance“gibt sich ähnlich rebellisch wie die Britpoper in den 1990er Jahren. Doch nicht nur wegen dieser Pose kann sie als Nachfolger von Cool Britannia angesehen werden. Das heutige linke Künstler-Milieu hat sich über verschiedene Stationen zu dem entwickelt, was es heute ist, beginnend mit der Abkehr von Blairs Politik spätestens mit dessen Unterstützung des Irakkrieges. Während Blair seit den Anschlägen vom 7. Juli 2005 in London einsah, dass der Multikulturalismus doch nicht so eine tolle Sache ist wie er einst dachte, (31) radikalisierte sich der linke Multikulturalismus und fand bald in Gestalt des Antisemiten und Islamfreundes Jeremy Corbyn seinen vorläufigen Höhepunkt. Der Spalt zwischen Nordengland und der linken hippen Elite weitete sich weiter in der Zeit um das Brexit-Votum, in der der Protest der Arbeiterschaft als Verrat an der freilich antinationalen „Einheit“ bezeichnet wurde. Selbstredend war jene Kulturelite auch bei Black Lives Matter vorn mit dabei und nach dem 7. Oktober wurde „Free Palestine“ das „current thing“, dem auch der als „Modfather“ und Vorbild für Oasis geltende Paul Weller anhängt.

Während zu Zeiten von Cool Britannia der Union Jack noch positiv besetzt war, gilt die Fahne spätestens seit dem Brexit als problematisch, weil die falschen Leute sie schwenken. Das ist ganz im Sinne der EU-Technokraten, über die sich Nigel Farage bei seinem Abgang aus dem EU-Parlament lustig machte: Er und seine Abgeordneten provozierten ihren Rauswurf aus dem Parlamentssaal, indem sie demonstrativ kleine Union Jack-Fähnchen schwenkten. Dort ist das Zeigen von nationalen Symbolen, ähnlich wie im Autonomen Zentrum, verboten und gilt als Zeichen von rückständigen Nationalisten.

Redaktion Bahamas – Tommy Robinson, Sohn seiner Klasse