Die Gesprächsrunde in Miami zeigt, wie sehr sich die Machtverhältnisse im Ukrainekrieg verschoben haben. US-Außenminister Marco Rubio und Unterhändler Steve Witkoff führten die amerikanische Seite an, die ukrainische Delegation stand unter Leitung von Rustem Umerow, Sekretär des ukrainischen Nationalen Sicherheitsrates und nicht mehr von Andrij Jermak, der nach einer Razzia in seinem Haus zurücktrat und sich nun demonstrativ an die Front abgesetzt hat. Die Verhandlungen liefen über fünf Stunden, „intensiv“ und „schwierig“, wie zwei ukrainische Vertreter gegenüber Axios sagten. Inhaltlich wurde nur über einen Punkt gesprochen: Wo liegt die zukünftige Grenze zwischen Russland und der Ukraine?
Rubio sprach anschließend von „weiterer Arbeit“, „Grundlagen“ und „Sicherheit für die Zukunft der Ukraine“, doch hinter der diplomatischen Sprache steht ein klarer Kern. Washington versucht, ein Abkommen zu erzwingen, das territoriale Abstriche in Donezk, Lugansk und der Krim einschließt, flankiert von Sicherheitsgarantien, die Moskau kaum akzeptieren wird. Witkoff soll in dieser Woche nach Moskau reisen und Putin ein aktualisiertes Dokument vorlegen, das die Ergebnisse der Gespräche mit Kiew und europäischen Vertretern bündelt.
Die Ukraine hat kaum Spielraum. Die militärische Lage verschlechtert sich weiter: Pokrowsk ist gefallen, weitere Frontabschnitte bröckeln, die Armee verliert Personal und Stellungen. „Moon of Alabama“ spricht offen vom „Zusammenbruch“ der ukrainischen Linien. Dass Umerow nun verhandelt, während Jermak unter Korruptionsverdacht steht, zeigt zusätzlich, wie angeschlagen das System Selenskyj ist. Der ukrainische Delegationschef dankte zwar artig „dem amerikanischen Volk“, hielt sich aber mit konkreten Aussagen zurück, was ein Indikator ist, dass territorialen Zugeständnissen kaum ausgewichen werden kann.
Was besonders auffällt: Europa spielt keine Rolle. Die Gespräche finden ohne EU-Beteiligung statt, weil Washington längst die strategische Regie führt und den Zeitdruck diktieren kann. Die Einschätzung, die EU könne Russland „zu echten Verhandlungen zwingen“, wie es die EU-Außenbeauftragte und Kommissionsvizepräsidentin Katja Kallas behauptet, wirkt angesichts der militärischen und diplomatischen Realitäten wie eine weltfremde Parole aus einer anderen Epoche. Neunzehn Sanktionspakete haben an der Lage nichts geändert, das zwanzigste wird es auch nicht tun.
Rubio bemüht sich um Optimismus, spricht von Fortschritten und einem „realistischen, aber hoffnungsvollen“ Prozess. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wie weit ist Kiew bereit, territoriale Verluste anzuerkennen, um ein Ende der Kampfhandlungen zu erreichen?
US-Ukraine-Gespräche ohne Europa: Washington drückt Kiew zu Grenzlinien – Zur Zeit
