
Die deutsche Regierung hat im Kabinett grünes Licht für einen Gesetzentwurf gegeben, der unter bestimmten Umständen Durchsuchungen von Redaktionen und Räumlichkeiten digitaler Plattformen ohne vorherige gerichtliche Anordnung erlauben würde.
Laut Presseberichten wird die Initiative als technische Umsetzung europäischer Regeln zur Transparenz in politischer Werbung dargestellt. Allerdings hat sie aufgrund der Vielzahl der Befugnisse, die sie der Regierung gewähren würde, heftige rechtliche und politische Kontroversen ausgelöst.
Der vorgeschlagene Gesetz zur Transparenz politischer Werbung zielt darauf ab, die EU-Verordnung zur Verbreitung politischer Werbung online in nationales Recht zu integrieren. Ihr erklärter Zweck ist es, die Transparenz, Rückverfolgbarkeit der Finanzierung und den Datenschutz in der politischen Botschaft zu stärken. In der Praxis geht der Entwurf jedoch weit über bloße Offenlegungspflichten hinaus und wirkt sich direkt auf den Betrieb von Medienorganisationen und Technologieplattformen aus.
Der umstrittenste Aspekt des Vorschlags ist die verstärkte Rolle der Bundesnetzagentur, die bereits als digitale Aufsichtsbehörde nach dem Gesetz über digitale Dienstleistungen fungiert. Nach dem Gesetzentwurf könnte die Behörde Inspektionen von Unternehmen und Einrichtungen anordnen, die politische Werbung verbreiten oder erleichtern, wenn sie feststellt, dass sie die erforderlichen Unterlagen nicht vorgelegt haben.
Im Falle von “unmittelbarer Gefahr” konnten solche Inspektionen während der Geschäftszeiten auch ohne vorherige gerichtliche Genehmigung durchgeführt werden. Der Entwurf selbst erkennt an, dass diese Befugnis das Grundrecht auf die Unverletzlichkeit des im Grundgesetz verankerten Hauses einschränkt – ein Eingeständnis, das die Kritik von Verfassungsjuristen und Presseverbänden verstärkt hat.
Experten im Verfassungsrecht warnen, dass der Vorschlag eine unverhältnismäßige Ausweitung der Verwaltungsbefugnisse darstellt. Sie betonen, dass Durchsuchungen und Beschlagnahmen Instrumente sind, die typischerweise für strafrechtliche Ermittlungen reserviert sind, und dass ihre Nutzung durch eine Aufsichtsbehörde – ohne vorherige gerichtliche Aufsicht – besonders problematisch ist, wenn sie Redaktionen betreffen kann, die durch verstärkte Garantien der Pressefreiheit und beruflicher Vertraulichkeit geschützt sind.
Der europäische Kontext befeuert die Kontroverse zusätzlich. Die EU-Verordnung sieht bei Verstößen gegen politische Werberegeln Geldstrafen von bis zu 6 % des weltweiten Jahresumsatzes vor. Angesichts komplexer Anforderungen und der Unklarheit rund um die Definition von “politischer Werbung” haben große Plattformen wie Google und Meta beschlossen, diese Art von Inhalten in mehreren Märkten zu beschränken.
Das Ministerium für digitale Angelegenheiten verteidigt den Gesetzentwurf mit der Begründung, dass ähnliche Mechanismen in anderen Bereichen der Wirtschaftsregulierung und des Datenschutzes existieren, wo administrative Kontrollen ohne gerichtliche Anordnung in Ausnahmefällen erlaubt sind. Die Regierung besteht darauf, dass das Ziel nicht darin besteht, in die journalistische Arbeit einzugreifen, sondern europäische Verpflichtungen zu erfüllen und die Integrität demokratischer Prozesse zu schützen.
Die Oppositionsreaktion war heftig. Die Vorsitzende der Alternative für Deutschland, Alice Weidel, hat der Regierung vorgeworfen, den Rahmen des Digital Services Act genutzt zu haben, um das, was sie als “Zensurhammer” bezeichnet, einzuführen. Laut Weidel könnte allein der Verdacht, ein Medienunternehmen “Desinformation” zu verbreiten, ausreichen, um eine Durchsuchung der Redaktion zu rechtfertigen – etwas, das sie für unvereinbar mit den Standards einer liberalen Demokratie hält.
Auf Grundlage des "Digital Service Acts" (DSA) der EU will die Merz-Regierung ein Gesetz erlassen, das unkompliziert Durchsuchungen in Medien-Redaktionen erlaubt. Sobald ein Medium im Verdacht stünde, "Desinformation" zu verbreiten, könnte dessen Redaktion durchsucht werden.… pic.twitter.com/SBsGMozWPZ
— Alice Weidel (@Alice_Weidel) January 5, 2026
Weidel argumentiert, dass das eigentliche Ziel der Gesetzgebung nicht nur darin besteht, politische Werbung zu regulieren, sondern auch Druck auf kritische Medien- und Inhaltsersteller auszuüben. Ihrer Ansicht nach hätte selbst die Einleitung von Untersuchungen eine einschüchternde Wirkung, angesichts des stark politisierten Umfelds und der erheblichen öffentlichen Aufmerksamkeit, die solche Verfahren mit sich bringen würden.
Germany Considers Newsroom Inspections Without a Court Order ━ The European Conservative






