„ Du bist eine große Verräterin“, „Entweder deine Familie oder er“… Berichte von Musliminnen, die von ihren Familien verstoßen werden, weil sie eine Liebesbeziehung mit einem nicht-muslimischen Mann führen

Als Französinnen mit muslimischem Hintergrund haben sie sich den Anweisungen ihrer Familie und ihrer Religion widersetzt, um so zu leben, wie sie wollen. Diese Emanzipation erfolgte oft durch Verheimlichung, Scham und die Angst, ihrer Gemeinschaft zu schaden.

Die 34-jährige Soraya entschied sich dafür, mit ihrem englischen Liebhaber in London zu leben. In Lyon ließ sie ihre Mutter, ihre beiden Schwestern, ihre Ehemänner und ihre Kinder zurück. Soraya ist eine Befreite. Sie hat sich von ihrer Familie, ihrem Milieu, ihrer Kultur und ihrer Religion emanzipiert, um so zu lieben, wie sie es für richtig hält. Aber zu welchem Preis? Die 30-Jährige, die im Bildungsbereich arbeitet, kann damit leben. Mit schwerem Herzen und schmerzvollen Worten: „Ich bin die erste in meiner Familie, aus allen Generationen, die mit einem nichtmuslimischen Mann zusammen ist und mit ihm außerehelich lebt. Ich halte es seit fünf Jahren aus. Ich werde als große Verräterin angesehen, ich spreche nicht mehr mit meinen Schwestern, meine Neffen, die klein sind, habe ich kaum gesehen. Es ist schwer, zurückgewiesen zu werden.“ […]

Als Asma von der Reaktion ihrer Eltern erfuhr, die Algerien mit 20 Jahren verlassen hatten und heute aus einer gehobenen sozialen Schicht stammen, brach ihr das Herz, weil sie erfuhren, dass sie einen atheistischen „weißen Liebhaber“ hatte. Diese Entdeckung kam zufällig, Asma konnte sie nicht vorhersehen oder über ihr sentimentales „Coming-out“ nachdenken. Und sie reagierten ungehalten: „Nordafrikanische Eltern können sehr krass sein: Mein Vater sagte mir, es sei, als hätte ich ihn ermordet“, erinnert sie sich. Daraufhin hat er sich in Schweigen gehüllt. Meine Mutter sagte, dass das nicht unsere Wertvorstellungen seien. Ein paar Tage später gaben sie mir einen Koran, mit der Absicht, dass ich ihn lesen sollte… Bis dahin war ich ihnen sehr nahe, ich brauchte immer noch ihre Bestätigung. Es war sehr schwer, mir ging es schlecht und das war das Ende meiner Liebesbeziehung. Ich bin wütend auf sie, aber sie sind immer noch meine Eltern.“ |…]

Farah, 36 Jahre alt, in Frankreich geboren und algerischer Abstammung, legt ein ergreifendes Zeugnis ab. Als sie ihren Eltern ihre Beziehung mit Julien nach zwei Jahren heimlichen Konkubinats mitteilt, gerät alles außer Kontrolle: „Mein Vater gerät in Rage; meine Mutter sagt mir: Entweder deine Familie oder er.“ Farah entschied sich für Julien. Sie heiratete vor sechs Jahren und zieht ihre beiden kleinen Mädchen weit weg von ihren Großeltern auf, die nie auf die Ankündigung ihrer Geburt reagiert haben; ihr Bruder teilte ihr drei Monate nach dem Tod ihrer Mutter mit, dass diese gestorben sei. […]

Rahma erinnert sich in ihrem Buch daran, wie ihr Vater die Heiratsanzeige von Nouria, einer Cousine ihrer Mutter, mit „einem gewissen Baptiste“ zerriss: „Niemand war bei dieser Hochzeit der Schande anwesend.“ […]

Grenzgängerinnen fühlen sich oft verurteilt. Und wenn ihre Familie ihre Entscheidungen akzeptiert, sind es manchmal wildfremde Menschen, die einen tadelnden Blick auf sie werfen. Die 30-jährige Juristin Nadia, die von ihrem „franko-französischen“ Liebhaber begleitet wurde, musste sich beispielsweise folgende Bemerkungen anhören: „In Châtelet hat mir ein Mann gesagt, dass ich das Kopftuch tragen sollte. Es gibt einen Druck von der Umma [Gemeinschaft der Gläubigen, Anm. d. Red.], weil ich „eine Schwester“ bin. Einige denken, wenn sie nicht versuchen, uns auf den rechten Weg zu bringen, ist das so, als würden sie ihre Pflicht versäumen und in die Hölle fahren. Ich habe ihm gesagt, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern“. […]

Le Nouvel Obs