
Bei fast 40 Grad mussten Kinder auf einem Berliner Aschura-Marsch aneinandergebunden mitlaufen. Was als religiöse Versammlung angemeldet war, wirkte in Teilen wie eine politische Bühne für Einschüchterung, Symbolik und die Instrumentalisierung von Minderjährigen.
Es sind Bilder, die man nicht mehr so leicht vergisst. Kinder, bei glühender Hitze, mit Seilen an den Handgelenken aneinandergebunden, mitten auf einer Demonstration in der Hauptstadt. Erwachsene laufen daneben, schwenken Fahnen, setzen politische Botschaften, inszenieren Opferbilder und religiöse Symbolik. Und ausgerechnet die Schwächsten werden zum Bestandteil dieser Inszenierung gemacht. Wer diese Szenen aus Berlin sieht, versteht sofort: Hier geht es nicht mehr um schlichte Religionsausübung oder um normale Versammlungsfreiheit. Hier wurden Kinder sichtbar für eine politische Botschaft benutzt.
Nach Angaben der Polizei nahmen rund 600 Menschen am sogenannten Aschura-Marsch in Berlin-Mitte teil. Die Versammlung war demnach angemeldet worden, um Solidarität mit „unterdrückten Menschen weltweit“ zu bekunden, gegen Krieg und Waffenlieferungen zu protestieren und ziviler Opfer zu gedenken. Doch die dokumentierten Bilder und Berichte zeigen, dass der Aufzug in Teilen eine ganz andere Wirkung entfaltete. Das Jüdische Forum hielt Szenen fest, in denen Kinder mit Seilen aneinandergebunden auftraten. Zudem sollen Teilnehmer Figuren und Symbolen aus dem Umfeld des iranischen Regimes und der Hisbollah gehuldigt haben.
Der eigentliche Skandal liegt dabei nicht nur in Fahnen, Parolen oder politischen Bezügen. Der Kern des Problems ist die bewusste Einbindung von Kindern in eine drastische, emotional aufgeladene Darstellung. Gerade bei Temperaturen von fast 40 Grad wirkt das nicht wie eine harmlose Folklore, sondern wie eine Form politischer Zurichtung. Kinder werden nicht geschützt, sondern ausgestellt. Sie sollen berühren, schockieren, mobilisieren. Erwachsene sprechen durch ihre Körper.
Aktuell: Vor wenigen Minuten endete am Gendarmenmarkt in Berlin eine islamistische Demonstration zum sogenannten Aschura-Gedenktag.
— Jüdisches Forum (JFDA e.V.) (@JFDA_eV) June 27, 2026
Zuvor kam es zu einer verstörenden Instrumentalisierung von Kindern: Gefesselt und verkleidet wurden sie für ein islamistisches Schauspiel in Szene… pic.twitter.com/1OxV3232qY
Meinungsfreiheit endet nicht beim Kindeswohl
Berlins Innensenatorin Iris Spranger fand dafür klare Worte. Sie sprach von einer „Funktionalisierung und Instrumentalisierung von Kindern“ und nannte das Vorgehen eine Gefährdung des Kindeswohls. Das ist eine notwendige und richtige Einordnung. Denn in einem Rechtsstaat ist die Versammlungsfreiheit ein hohes Gut. Aber sie ist kein Freibrief, Minderjährige in bedenkliche Szenen hineinzuziehen, körperlich zu belasten und sie zu Trägern politischer Symbolik zu machen, die sie selbst weder überblicken noch verantworten können.
Die Polizei erklärte, der Einsatzleiter habe die Darstellung nach kurzer Zeit beendet. Den Angaben zufolge hätten die Kinder ein eingeübtes Theaterstück aufführen sollen, das an eine historische Verschleppung von Frauen und Kindern erinnern sollte. Gerade dieser Hinweis zeigt, wie gezielt die Wirkung geplant war. Es ging nicht darum, dass Kinder zufällig anwesend waren. Sie waren Teil einer choreografierten Szene. Dass die Polizei einschritt, war daher folgerichtig.
Umso ernster ist die politische Frage, die über diesen Einzelfall hinausweist: Wie weit dürfen Organisatoren gehen, wenn sie religiöse und politische Bilder miteinander verschmelzen? Und ab welchem Punkt muss der Staat nicht nur auf strafrechtlich relevante Inhalte schauen, sondern auf die gezielte Überforderung und Instrumentalisierung von Minderjährigen?
Denn auch wenn die Polizei nach eigenen Angaben keine strafbaren Parolen oder Redebeiträge feststellte, bleibt das Unbehagen. Rechtlich nicht sofort strafbar bedeutet nicht automatisch unproblematisch. Es gibt Verhaltensweisen, die eine Gesellschaft klar zurückweisen muss, selbst wenn sie sich knapp unterhalb der Strafbarkeit bewegen. Kinder bei extremer Hitze in eine Darstellung gefesselter Hilflosigkeit zu zwingen, gehört dazu.
Berlin darf nicht zur Bühne extremistischer Symbolpolitik werden
Das Aschura-Fest ist für viele Schiiten ein bedeutender religiöser Gedenktag. Gerade deshalb ist es wichtig, sauber zu unterscheiden. Nicht jede schiitische Prozession ist extremistisch. Nicht jede religiöse Symbolik ist politischer Radikalismus. Aber wenn auf einer solchen Veranstaltung politische Botschaften dominieren, wenn nach Darstellung von Beobachtern Gestalten aus dem Umfeld islamistischer Gewalt verherrlicht werden und wenn Kinder für diese Szenerie herhalten müssen, dann muss man die Dinge benennen, wie sie sind.
Berlin erlebt seit Jahren, wie islamistische, antisemitische und antiisraelische Milieus versuchen, den öffentlichen Raum für ihre Erzählungen zu nutzen. Mal geschieht das offen mit Parolen, mal in Form scheinbar humanitärer oder religiöser Versammlungen, die bei näherem Hinsehen eine ganz andere Stoßrichtung haben. Wer den demokratischen Rechtsstaat ernst nimmt, darf auf diese Strategie nicht naiv reagieren.
Es geht auch um ein gesellschaftliches Signal. Wenn Kinder in einer solchen Kulisse mitgeführt werden, wird ihnen früh beigebracht, dass ihr Körper, ihre Rolle und ihre Präsenz dem politischen Zweck der Erwachsenen untergeordnet sind. Das ist nicht Ausdruck von Fürsorge oder Glaubensstärke. Es ist eine Form der Indienstnahme. Kinder sollen nicht lernen, frei zu denken, sondern eine Erzählung zu verkörpern.
Der Staat muss deshalb konsequent bleiben. Versammlungsfreiheit schützen, ja. Religionsfreiheit schützen, ja. Aber dort eingreifen, wo Kinder instrumentalisiert, wo extremistische Symbolwelten verharmlost und wo die Grenzen zwischen Gedenken, Propaganda und Einschüchterung bewusst verwischt werden.
Die Bilder aus Berlin sind nicht deshalb so verstörend, weil sie laut oder chaotisch gewesen wären. Sie sind verstörend, weil sie kalkuliert wirken. Weil Erwachsene offenbar glaubten, mit gefesselten Kindern in der Hitze eine legitime Botschaft zu senden. Und weil genau darin ein zutiefst falsches Verständnis von Öffentlichkeit sichtbar wird: Kinder nicht als Schutzbefohlene, sondern als Mittel zum Zweck.
Eine offene Gesellschaft darf sich daran nicht gewöhnen.
Besonderer Dank gilt dem Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus, das solche Aufmärsche seit Jahren mit großer Ausdauer dokumentiert und damit sichtbar macht, was sonst allzu leicht im öffentlichen Raum verschwinden würde. Ohne diese Arbeit blieben viele Bilder, Parolen und Inszenierungen unbeachtet – oder würden später als harmloses Missverständnis kleingeredet. Gerade in Berlin ist diese Dokumentation unverzichtbar, weil sie zeigt, wo religiöse Symbolik, politische Radikalisierung, Israelhass und die Instrumentalisierung von Kindern ineinandergreifen.