
Zehntausende Kinder können dem Unterricht aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse nur eingeschränkt folgen, Gewaltfälle belasten Schulen und Lehrer, und der Staat investiert immer größere Summen, um Defizite auszugleichen, die lange vor dem ersten Schultag entstehen. Das Klassenzimmer soll damit zunehmend Probleme lösen, die Bildungs-, Integrations- und Migrationspolitik über Jahre nicht bewältigt haben.
Die Zahlen sind drastisch. Im Schuljahr 2024/25 wurden in Wien 44,6 Prozent der Kinder in der ersten Volksschulklasse wegen unzureichender Deutschkenntnisse als außerordentliche Schüler eingestuft. Österreichweit betraf dieser Status rund 48.400 Schüler an Pflichtschulen – rund 54 Prozent mehr als noch 2020/21. Eine andere Umgangssprache allein bedeutet noch keine mangelnden Deutschkenntnisse. Der außerordentliche Status wird aber gerade deshalb vergeben, weil die vorhandenen Deutschkenntnisse für die reguläre Teilnahme am Unterricht nicht ausreichen.
Damit wird aus einem Integrationsproblem unmittelbar ein Bildungsproblem.
Lehrkräfte müssen Sprachdefizite aufholen und gleichzeitig den regulären Lehrplan bewältigen. Der Staat reagiert mit immer mehr Personal: Die Planstellen für Deutschförderung wurden bereits von 577 auf mehr als 1.300 erhöht. Doch irgendwann stellt sich die grundsätzliche Frage, wie viele gesellschaftliche Integrationsdefizite das Regelschulsystem noch kompensieren kann.
Auch bei der Sicherheit gibt es wenig Anlass zur Entwarnung. Im abgelaufenen Schuljahr wurden allein in Wien 831 Suspendierungen ausgesprochen. Betroffen waren 718 Kinder und Jugendliche. Als häufigste Gründe nennt die Bildungsdirektion körperliche Übergriffe, gefährliche Drohungen und verbale Attacken. In 232 Fällen wurde zusätzlich Anzeige erstattet. Gemessen an allen Wiener Schülern handelt es sich weiterhin um eine kleine Minderheit. Für die betroffenen Klassen und Lehrkräfte ist diese Minderheit jedoch ausreichend, um einen geregelten Schulalltag massiv zu beeinträchtigen. Deshalb braucht es neben Prävention und Betreuung auch eine klare Grenze: Gewalt, Einschüchterung und Bedrohungen müssen rasche und spürbare Konsequenzen haben.
Nicht jedes Integrationsproblem lässt sich mit zusätzlichen Sprachstunden lösen. Eine 2026 im Auftrag der Stadt Wien durchgeführte Untersuchung unter mehr als 1.200 Jugendlichen zeigt zwar, dass die überwiegende Mehrheit demokratisch und pluralistisch eingestellt ist. Gleichzeitig wurden bei Teilen der Jugendlichen deutlich konservative und antidemokratische Einstellungen festgestellt. Unter den befragten muslimischen Jugendlichen meinte mehr als die Hälfte, jede Muslimin solle in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen. Fast zwei Drittel hielten die strikte Einhaltung islamischer Vorschriften in allen Lebensbereichen für wichtig.
Solche Ergebnisse rechtfertigen keine pauschalen Urteile über Herkunft oder Religion. Sie zeigen aber, dass Integration mehr verlangt als einen Schulplatz. In österreichischen Schulen muss ohne Ausnahme gelten: staatliches Recht vor religiösen Vorschriften, Gleichberechtigung von Mädchen und Burschen und uneingeschränkter Respekt gegenüber Lehrerinnen und Lehrern.
Ein Mangel an öffentlichen Ausgaben allein erklärt die Situation ebenfalls nicht. Österreich zählt bereits zu den teuersten Bildungssystemen der OECD. Kaufkraftbereinigt werden pro Schüler und Jahr rund 20.900 Dollar ausgegeben – der dritthöchste Wert innerhalb der OECD. Trotzdem erreicht rund ein Viertel der österreichischen 15- und 16-Jährigen bei PISA nicht das grundlegende Kompetenzniveau in Lesen beziehungsweise Mathematik.
Dabei wäre es falsch, diese Probleme ausschließlich Migration zuzuschreiben. Österreich liegt insgesamt in Mathematik und Naturwissenschaften sogar über dem OECD-Durchschnitt. Auch soziale Herkunft und Bildungshintergrund spielen eine erhebliche Rolle. Gerade deshalb führt die einfache Forderung nach „noch mehr Geld“ zu kurz.
Entscheidend ist, ob vorhandene Ressourcen tatsächlich zu besseren Sprachkenntnissen, höherer Leistung und einem sicheren Schulbetrieb führen.
Die Schule ist der falsche Ort, um sämtliche Versäumnisse der Integrationspolitik nachträglich zu reparieren. Sprachförderung muss früher beginnen. Eltern müssen stärker in die Verantwortung genommen werden. Wer dauerhaft in Österreich lebt, muss seinen Kindern die Voraussetzungen geben, dem deutschsprachigen Unterricht folgen zu können. Gleichzeitig muss die Zuwanderungspolitik berücksichtigen, welche Integrationskapazitäten Schulen, Gemeinden und soziale Einrichtungen tatsächlich besitzen.
Dazu gehören schnellere Asylverfahren, konsequenter Vollzug rechtskräftiger Rückkehrentscheidungen und eine deutlich stärkere Begrenzung irregulärer Migration. Denn unbegrenzte gesellschaftliche Aufnahmefähigkeit gibt es ebenso wenig wie unbegrenzte schulische Kapazitäten.
Schulen müssen wieder in erster Linie Orte der Bildung sein. Sie können nicht dauerhaft gleichzeitig Sprachschule, Integrationsbehörde, Sozialstation, Konfliktmanagement und Sicherheitsdienst ersetzen. Österreich schuldet jedem Kind eine faire Chance auf Bildung – unabhängig von seiner Herkunft.
Dazu gehört aber ebenso die Erwartung, dass Deutsch gelernt, die Rechtsordnung respektiert und schulische Regeln eingehalten werden. Wer die Integrationsprobleme im Klassenzimmer ernst nimmt, darf deshalb nicht ausschließlich über zusätzliche Förderprogramme sprechen. Integration funktioniert nur dort, wo gemeinsame Sprache, klare Regeln und realistische Belastungsgrenzen existieren.