
Eine Szene vom Ende einer AfD-Veranstaltung in Dessau sorgt derzeit für Schlagzeilen. Zahlreiche Medien berichten, dass der Bundesvorsitzende der AfD, Tino Chrupalla, und der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, die frühere DDR-Hymne gesungen hätten. Videoaufnahmen zeigen jedoch ein differenzierteres Bild.
Die derzeit für so viel Diskussionsstoff sorgenden Szenen ereigneten sich im Rahmen einer von der AfD Sachsen-Anhalt unter dem Motto „Keen Getue, keen Gemache, für den Frieden!“ organisierten Podiumsdiskussion. Neben Chrupalla und Siegmund nahmen auch der Kabarettist Uwe Steimle und die frühere Grünen-Politikerin Antje Hermenau teil.
Zum Abschluss der Veranstaltung sollte noch die Hymne angestimmt werden: „Wir wollen noch die Nationalhymne zum Schluss singen“, so Chrupalla. „Das machen wir noch, das machen wir immer in Sachsen-Anhalt“, erklärte er. Mit den Worten „Uwe, du stimmst jetzt mal die deutsche Nationalhyme an, kennst du die?“ ging das Mikrofon an Steimle, der allerdings die DDR-Hymne anstimmte.
Zum Ende einer AfD-Diskussionsrunde in Dessau haben AfD-Bundeschef Tino Chrupalla und Ulrich Siegmund, der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt werden möchte, mit dem Kabarettisten Uwe Steimle die DDR-Hymne gesungen. Anschließend stimmte Chrupalla das Lied der Deutschen an.… pic.twitter.com/vHfDT673pf
— Apollo News (@apollo_news_de) July 14, 2026
Die ersten Reaktionen auf der Bühne sprechen gegen eine geplante Aktion. Chrupalla ruft sofort: „Nein, die andere!“ Auch Antje Hermenau reagiert mit den Worten „Nein, nein, nein, nein, nein!“ Steimle setzt den Gesang dennoch fort. Im weiteren Verlauf stimmen Chrupalla und Siegmund stellenweise mit ein – jedoch lachend und nicht mit dem Ernst, den manche Berichterstattung nahelegt. Nach dem Ende der ersten Strophe erklärt Steimle: „Ich kann nur die Hymne“, worauf Chrupalla lachend applaudiert. Hermenau entgegnet darauf: „Wir müssen die westdeutsche och singen, wir müssen beide singen.“ Nach dem kurzen Wortwechsel übernimmt Chrupalla selbst und stimmt die dritte Strophe des Deutschlandliedes an. Anschließend beteiligen sich sämtliche Teilnehmer auf der Bühne am gemeinsamen Singen der heutigen deutschen Nationalhymne.
Besonders bemerkenswert ist ein historischer Aspekt, der in der öffentlichen Debatte häufig ausgeblendet wird. Steimle sang die ursprüngliche Textfassung der DDR-Hymne, in der es heißt: „Deutschland, einig Vaterland“. Gerade diese Textpassage war der SED-Führung ab Ende der 1960er-Jahre politisch unerwünscht, da sie zu diesem Zeitpunkt ihren Anspruch auf eine Wiedervereinigung Deutschlands aufgegeben hatte und die Stelle damit nicht mehr zur offiziellen Staatsdoktrin passte. Während der Friedlichen Revolution 1989 und auf den Demonstrationen für die Wiedervereinigung wurde der einst unterdrückte Text dann wieder aufgegriffen. Die Losung „Deutschland, einig Vaterland“ war auf zahlreichen Transparenten zu lesen und wurde von Demonstranten immer wieder skandiert. Damit entwickelte sich die frühere DDR-Hymne für viele Ostdeutsche gerade nicht zu einem Symbol der SED-Diktatur, sondern des Wunsches nach deutscher Einheit.
Während zahlreiche Medien den Vorfall als Aufreger aufgreifen, fallen die Reaktionen von Beobachtern darauf deutlich gemischter aus. Auch in Leserforen gehen die Einschätzungen auseinander. Ein großer Teil der Kommentatoren bei Focus-online etwa bewertet die Szene als satirische oder humorvolle Einlage und verweist darauf, dass die DDR-Hymne rechtlich nicht verboten ist. Zudem wird darauf hingewiesen, dass Uwe Steimle seit Jahren mit ostdeutschen Symbolen und DDR-Anspielungen arbeitet und im Anschluss ohnehin die deutsche Nationalhymne gesungen wurde.
Chrupalla selbst betonte angesichts der Diskussion gegenüber der Jungen Freiheit, er verstehe nicht, wie „unentspannt“ darauf reagiert werde: „Es wird alles zum ‚Skandal‘ erhoben. Keiner kann mehr lachen, und alles muss bierernst sein. Wer mit Uwe Steimle eine Veranstaltung macht, weiß was kommt. Es ist mit ihm mal so erfrischend anders.“ Und er ergänzte: „Der Text der DDR-Hymne, den wir nicht singen durften, ist grandios und passt auch heute noch.“